 und schrieb:
    »Meister Fidelis, wo sind Sie in der Welt? Wie oft seit Jahren tue ich
Ihnen in Gedanken diese Frage, und wie traurig war mir's oft, dass Sie mir nie
darauf geantwortet haben. Vielleicht haben Sie's getan in derselben Weise wie
ich Sie fragte; aber die Geister, durch die Körper von einander abgesperrt,
können sich nicht verständlich machen und in trauriger Einsamkeit schleicht
Jeder dahin und wähnt sich vergessen. Sie haben es schlecht auf dieser Welt, die
Geister! wie Sennen auf Bergeshöhen kommen sie mir vor; durch Klüfte und
Abgründe sind sie unüberwindlich von einander getrennt, und von ihrem Dasein
zeugt nichts als der schallende Laut den sie zuweilen ausstoßen wenn ihnen die
Seele übervoll ist. Ob übervoll von Lust oder Leid, von Angst oder Jubel, von
Jammer oder Seligkeit - das hört man nicht heraus! O Fidelis, was ist das aber
für eine unharmonische Welt in welcher die Frage ohne Antwort, und der Grundton
ohne Terz bleibt. Statt in majestätischen Harmonien zu erklingen, verursacht sie
uns eine Art von gellendem Ohrensausen, aus welchem Dissonanzen häufiger
aufkreischen als Melodien emporschweben. Da bin ich ja bei der Musik angekommen,
von der ich mit Ihnen zu reden habe. Ich bitte, schaffen Sie mir einen tüchtigen
Musiklehrer für meine Tochter, der außer den erfoderlichen Kenntnissen und
Fertigkeiten eine musikalische Seele habe. Das ist selten, ich geb' es zu! Zum
Handwerk und Broterwerb durch Musik braucht man weder eine musikalische noch
sonstige Seele, nur gleisnerische Geschicklichkeit. Aber ich weiß nicht .... es
ist etwas so Ausdörrendes, Saftloses in diesen Geschicklichkeiten, dass ich mich
fürchte sie meiner Tochter quasi einimpfen zu lassen! Die mit ihnen behafteten
Menschen kommen mir vor wie die Chinesen: petrificirt in ihrer wundersamen
Geschicklichkeit, daher unerquicklich wie alle Curiositäten, welche stets einen
linden Beischmack von Monstrosität haben. Also schaffen Sie mir einen Lehrer
nach meinen Andeutungen, lieber Meister, und schreiben Sie mir einmal.
Vielleicht ermuntert mich das. Meine vereinsamte Seele verfällt immer tiefer und
tiefer in einen murmeltierartigen Winterschlaf, aus dem es nur für das Tier,
nicht für den Menschen ein Erwachen gibt. Wird der Mensch kalt und müde bei
seiner Winterwanderung, und lässt er sich gehen an die Erschöpfung: so schläft er
ein - und stirbt. Ich suche mich zu verteidigen gegen diesen Tod; allein es
wird mir schwer. Helfen Sie mir! und leben Sie wohl.«
    Nach Rom schickte ich diesen Brief an die Adresse unter welcher ich
Sedlaczech seine Pension seit unsrer Trennung in Venedig beständig zahlen ließ.
Ich wartete lange auf die Antwort. Endlich kam sie - und zwar aus Hamburg. Er
selbst brachte einen jungen Italiener und fragte an
