 freiwillige Beschränkung - denn ich war nicht vernünftig! Resignation -
denn ich war nicht fromm! Ich sprach zu mir selbst: Du erfüllst Deine Pflicht,
Du tust das Gute, Du suchst es in Andern zu wecken und zu fördern - warum gibt
Dir das denn nicht Befriedigung? Wo das Leben ein klarer stiller reiner Bach
ist, sollte da der Durst nicht aus dessen Wassern gelöscht werden können? - - O
mit welcher heimlichen trostlosen Verzweiflung tat ich mir nicht tausendmal
diese und ähnliche Fragen. Ich vergaß nur dass ich meine Befriedigung nicht da
suchte wo ich sie hätte finden können, weil ich fortwährend von einem idealen
Glück träumte - und meinen Durst mit einem Nectartrank stillen wollte, der
freilich aus meinem Bach nicht zu schöpfen war.
    Inzwischen lernte ich fleißig und gern - wenigstens in den beiden ersten
Jahren. Da waren mir die Sachen noch fremd genug um mich durch den Reiz des
Unbekannten zu locken. Geheimnisvolles Licht spielte über der untergegangenen
schönen Altertumswelt, wie über vergrabenen Schätzen blaue Flämmchen tanzen.
Aber je mehr ich die Schwierigkeit des Studiums überwand, desto mehr schwand
auch jener Reiz. Ja, ich las mit großem Vergnügen Homer und Sophokles; ja, ich
folgte mit tiefem Interesse der antiken Weltanschauung - allein mit dieser
nämlichen, gleichsam unpersönlichen Freude, hatte ich auch Shakspeare, auch
Dante gelesen. Der Horizont welcher sich um die Geschichte der Menschheit wölbte
wurde weiter; aber mein blödes Auge kehrte immer wieder zu dem eigenen zurück,
den es, trotz dessen Enge, nicht überblicken lernte. - Und dann erschrack ich
auch vor dem ungeheueren, titanischen Ringen des Geistes zu allen Epochen, in
allen Religionen, unter allen Formen, welches - was Glück spenden und Glück
genießen betrifft - so geringe Resultate gehabt hat. Jeder Mensch muss sein
eigenes Leben von der Wiege bis zum Sarge durchleben; Einer wie der Andre muss
die Befangenheit der Kindheit, den Rausch der Jugend, die Erkenntnis reiferer
Jahre, die Hinfälligkeit des Alters willenlos erleiden, und die Freuden,
Leidenschaften, Erfahrungen und Schwächen, welche mit diesen vier großen Epochen
verbunden sind, willenlos annehmen. Er kann sie ein wenig modificiren und ordnen
- darin besteht sein freier Wille! - aber er kann nicht heraus aus dem Bannkreis
der Natur. Wenn er Alles liest was über das Glück geschrieben ist - Alles tut
was Andre getan haben um glücklich zu sein - Alles studiert und bewundert,
wodurch Andre das Glück erstrebt oder erlangt haben: so hilft das gar nichts,
sobald er nicht seine volle ganze Seele mit in den Kauf gibt und daran setzt.
Es ist mit dem Glück wie mit dem Reich Gottes von dem geschrieben steht: »Siehe,
es ist inwendig in Euch.« Und eben darum verhilft uns die
