 diese Entsagung, diese Treue, diese
Weisheit, dies Martertum, diese lichtvolle Klarheit, diese flammende Glut,
diese standhafte Ausdauer über allen Schmerz, alles Elend, alle Zeit hinweg,
dieser Stralen- und Dornenkranz von Seligkeit und Jammer, den Abälards finstre
Liebe auf ihre Stirn drückt - bildet das Alles nicht ein geistig bewegtes Leben
von solcher Entwickelung und solcher Intensität dass einem das Herz - der
Mutterschooss dieses Lebens - als ein Weltmeer von Macht und Tiefe erscheint.
Nein, Otbert! ich bin sehr unvollkommen und meine arme Arabella ist es auch und
Millionen unsers Geschlechts sind es mit uns; aber wir sind es weil wir auf
einer embryonischen Stufe unsrer Entwickelung stehen - nicht weil uns die
Fähigkeiten zu einer höheren mangeln. Deine Bemerkung dass ein Geist der
Unzufriedenheit und des Missbehagens sich in uns rege - ist vollkommen richtig:
die Chrysalide erwacht, fühlt sich in Haft und Dunkel, und strebt nach Befreiung
und Licht. Aber Deine Behauptung, dass dies Bestreben uns um das Glück bringe
geliebt zu werden - hat mich herzlich lachen gemacht, weil sie so sehr nach
deutschem Spiessbürgertum schmeckt. Es muss wirklich namenlos schwer für einen
Deutschen sein den Philister auszuziehen, da es sogar Dir, einem Dichter! einem
Kosmopoliten! nicht gelingt. Um bei Heloisen stehen zu bleiben, so vernichtet
sie Deine Behauptung; und ich frage Dich: würde es Dir nicht eine größere
Genugtuung sein ein Weib wie Heloise geliebt zu haben, obwohl sie lateinisch und
griechisch verstand, als ein Dämchen unsrer Tage, welches statt dessen die
hergebrachten Teetisch-Phrasen versteht. Bist Du denn auch, mein armer Otbert,
mit des Philisters fixer Idee von der versalzenen Suppe behaftet? Ach, gib sie
auf! schon deshalb, weil heutzutag auch des Philisters Frau viel zu gebildet,
elegant und bequem ist um sich mit Suppenkochen zu beschäftigen. Glaube mir -
wenn Ihr doch so sehr an dieser gebenedeiten Suppe hängt - Heloise würde sie
Euch eher kochen, als Philisters-Frau; denn eine Königin fühlt sich durch
Mägdedienst nicht erniedrigt, weil sie ihres Königtums gewiss ist; aber die Magd
sträubt sich, weil sie für etwas Besseres gelten möchte als was sie ist.«
    Diesen Brief beantwortete Astrau nicht. Bis er bei ihm anlangte mochte er
Arabella, welche die eigentliche Veranlassung unsrer Korrespondenz gewesen war,
bereits ganz vergessen haben. Sie starb im Spätherbst desselben Jahres. Das
Leben hatte ihre Kräfte zu sehr aufgeregt um sie nicht zu verzehren, als sie
keinen Gegenstand fanden an dem sie sich üben konnten. Sie starb an Erschöpfung
in ihrem achtundzwanzigsten Jahr. Zu der Zeit wusste Astralis schon nicht mehr,
dass sie eine andre Mutter gehabt als mich. Sie wuchs zwischen uns auf als mein
italienisches Pflegekind - wie meine Hausgenossen
