 alter Matematiker! Wenn dies das Resultat
der Torheit ist, so behüte mich, Gott! vor dem der Weisheit, denn diese zwei
Menschen - sie missachtet, er verhöhnt, kamen mir ehrwürdiger vor als alle die,
welche aus ihrer kläglichen Eigenschaft vergessen und sich zersplittern zu
können, eine Tugend zu machen wussten. Namenloses Grauen vor dem Zwiespalt in
welchem der Mensch durch das Leben geschleudert wird, zerarbeitete mir die
Seele. Wer da festhält kommt aus dem Gleichgewicht nach Außen, so dass die Leute
hohnlächelnd mit dem Finger auf ihn weisen; - wer nicht festhält kommt aus dem
innern Gleichgewicht indem er in Konflict mit seiner jammervollen Bedürftigkeit
und seiner unabweislichen Überzeugung gerät. Wie ein zerschellter Nachen von
den Wellen an die Küste geschleudert und von der Brandung wieder zurückgetrieben
wird: so flogen meine Gedanken auf und ab, hin und her, und fanden nirgends,
nirgends Ruhe.
    Ein Brief von Astrau erwartete mich in Engelau - ein ganz widerwärtiger
Brief, in welchem er Arabellas plötzliche Abreise von Paris eine ihrer
»weltbekannten Excentricitäten« nannte und sich mit weitläuftiger Erbitterung
über die unsinnigen Ansprüche der Frauen ausliess, welche von einem Mann immer
und ewig nichts weiter begehrten, als dass er ihr Liebhaber sei - etwa ein
romantischer, idyllischer oder heroischer Liebhaber, aber vor Allem der. Dadurch
würden die Frauen zu einer so marternden Last, dass der Mann aus Verzweiflung in
scheinbare Härte verfallen müsse um seine Freiheit und Tätigkeit dem Weltleben
und dessen grandiosen Interessen gebührend zuwenden zu können. So häuften sich
am Ende die Missverständnisse. zu einer unübersteiglichen chinesischen Mauer -
und das sei lediglich die Schuld der egoistischen Beschränktheit des Weibes. -
Dieser Brief kam mir vor als werfe Astrau sich in die Maske des Zorns um sich
gegen eigene und fremde Vorwürfe zu panzern. Aber es war mir entsetzlich, dass er
gegen Arabella Vorwürfe aussprach, während sie sich keinen einzigen - ja keine
einzige Klage über ihn erlaubt hatte. Als Antwort meldete ich ihm die Lage der
Dinge und fügte schließlich hinzu:
    »Ich bin so ganz der Ansicht, dass einem Mann Größeres zu erfüllen obliegt,
als zu den Füßen des Weibes die Rolle eines romantischen Liebhabers zu spielen,
dass ich auf dem Punkt sein würde einen solchen Mann zu verachten - wenn nicht
zum Unglück Du selbst Dich mir gegenüber in eine solche Rolle geworfen hättest:
folglich stehe ich Dir zu nah um Dich beurteilen zu können. Unser Urteil über
einen Menschen begehrt ebensowol wie das über ein Kunstwerk die gebührende
Perspective. Ich bin also gar nicht mit jenen Frauen über welche du klagst,
einverstanden und bin gern bereit sie mit Dir egoistisch beschränkt zu nennen.
Nur sind die Männer dieser Frauen gewöhnlich in ihrer Art ebenso egoistisch
beschränkt; denn nachdem sie deren Wahn geflissentlich hervorgelockt und
