
    »Sibylle! Deine Räsonnements sind fürchterlich! .... sind gradezu tödtend!
Sie sind nicht falsch, nicht ungerecht - aber dass Du sie machen kannst in einem
Augenblick wo Dir das Herz zittern und Deine Seele wund und Dein Geist gedrückt
sein müsste - dass Du mit Analyse zu Werke gehst statt mit Empfindung, und
gelassene Betrachtungen anstellst statt eine heimliche Träne zu trocknen -
sieh, das ist mir fürchterlich! Ich erstarre neben Dir, Sibylle! und glaube mir,
kein Mensch kann neben Dir glücklich sein. Paul, der Dich so liebte .... war
nicht glücklich! Ich, der ein unbeschreibliches Interesse für Dich hegte - bin
nicht glücklich! Es ist nichts Erquickendes in Deinem Wesen, Sibylle; nicht die
Wärme, die Frische, die Innigkeit, die uns so wohl tut, dass wir ihretwegen
tausend Fehler und zehntausend Mängel übersehen! Es geht keine Belebung von Dir
aus .... und Du bist doch reich und schön begabt, bist umflossen vom Glanz der
Verheißung, wie ich ihn nennen möchte - der aber nie zur Erfüllung wird.«
    »Und welche Verheißung wird denn überhaupt je zur Erfüllung? unterbrach ich
ihn trübe. Keine, Otbert, keine. Meine Erscheinung ist der Ausdruck des
Zwiespalts, der ewig zwischen sehnen und erreichen obwaltet, und der meine Seele
in unfruchtbaren Exaltationen und ebenso unfruchtbaren Desolationen aufzehrt.
Ich kann mich nicht umbilden .... allein ich kann mich fern von den Menschen
halten, denen ich allerdings mehr weh als wohl tun mag. Ich habe nicht die
liebliche Gabe der demütigen Seelen: mich an dem Kleinen zu freuen das aus dem
Untergang des Großen übrig bleibt. Und ich habe auch nicht jenen mächtigen
Schwung der starken Seelen, durch den sie zu einem Höhepunkt getragen und auf
ihm gehalten werden, wo sie den Ariadnesfaden der durch das Leben läuft stets
übersehen indem sie von oben herab in das Labyrinth alles Daseins schauen. Ich
bin drin .... in diesem Labyrinth! Ich ergreife jauchzend den rettenden Faden -
siehe! da zerreißt er in meiner Hand! Ich finde ihn wieder .... aber stückweise!
immer reißt er ab! immer hat er ein Ende! immer gerate ich auf Fragmente ohne
Zusammenhang und daher ohne Sinn. So verbleibe ich im Chaos, Otbert! Gott hat
noch nicht das Schöpfungswort: es werde Licht! über mir gesprochen.«
    »Und denken zu müssen dass ich Dein Retter hätte sein können!« rief Astrau
heftig bewegt.
    »Dazu hättest Du eben eine andre Seele haben müssen, Otbert! eine Seele wie
ich sie träume voll ganz göttlicher Unwandelbarkeit. Und hättest selbst Du sie,
so ist es immer noch die Frage, ob ich sie
