 Welt, auf die Gesellschaft, auf Alles - wenn sie
mich nur täglich eine halbe Stunde sehen dürfe. Vom tiefsten Geheimnis
umschleiert, das ich ihr zur ersten Pflicht machte und das sie als solche
begriff, ließ sie sich auf Torcello nieder. Ich kann Dir nichts weiter sagen!«
    »Also liebst Du sie wirklich über alle Massen, und hast sie doch früher
verlassen können!«
    »Sibylle! es gibt interessante Frauen und verführerische Frauen, und Du und
sie - Ihr seid der Typus derselben. Weil dieser bis zum äußersten Grade
gesteigert ist, nimmt jeder Etwas von der Färbung seines Gegensatzes an: das
Interessante wird verführerisch, und so umgekehrt. Als ich Arabella vor einigen
Jahren .... verließ, wie Du es nennst - war es die unerhörte Überraschung
Deiner Erscheinung, die ich mit nichts zu vergleichen wüsste, was ich vorher oder
nachher gesehen; und ich folgte der anziehenden Macht« .... - -
    »Bis Du gewahr wurdest, dass sie nur einseitig auf Dich wirkt, und dass von
der andern Seite eine nicht minder gewaltige Macht Dich in Anspruch nehmen muss,
wenn Du dich glücklich fühlen sollst: nicht wahr, Otbert, so ist es? Aber dies
zersplitterte, geteilte, zwiespältige Dasein trägt in sich selbst den Keim des
Zerfallens - was dann?«
    »Die Blume blüht auch nicht ewig; aber sie hat doch geblüht und aus ihren
zerstäubenden Atomen entwickeln oder ernähren sich andre Organisationen.
Ausbildung, Umbildung, ist Leben. Eine absolute Dauer haben dessen Formen nicht.
Über ihnen, nicht in ihnen webt und wohnt das Göttliche.«
    »Ein trauriger Glaube, Otbert, mit Tand und Spielwerk gleichsam abgefertigt
zu werden, und wie aus Neckerei nur das Rauschen der Flügel eines uns
umschwebenden gewaltigen Geistes zu hören ohne jemals seiner Offenbarung
gewürdigt zu werden! - So erscheint er wenigstens mir, da ich ihn nicht teile.
Ich möchte die Form ehren als eine Schaale deren Inhalt etwas Göttliches ist;
kann ich das nicht: so werde ich sie bald bei Seite schieben oder fallen lassen
.... wie Du es machst. Es liegt eine gewisse materialistische Weisheit in Deiner
Auffassung, die nicht für Jedermann ist.«
    Astrau starrte mich sprachlos an vor Verwunderung über die Gleichgültigkeit
und Ruhe mit der ich redete. Ich war nicht einen Augenblick aus der Fassung. Mir
war als befände ich mich wieder in meinem recht eigentlichen Element: in der
Erkenntnis der Nichtigkeit von Allem was Menschen Glück nennen; - und als hätte
ich schon lange heimlich diesen Augenblick vorhergeahnt.
    »Ich habe weder Vorwürfe noch Klagen, fuhr ich fort; mehr noch: ich will
annehmen, dass Du auf Deinem Standpunkt nicht Unrecht habest. Dir ist das
