 den Schatten der
Vergangenheit. Sieh! Sedlaczech gehört ihr an; er ruft jene empor,
unabsichtlich, nur durch sein Dasein. Lass ihn gehen, Sibylle! o ich möchte Dich
von der ganzen Welt isoliren, alle früheren Eindrücke aus Dir verwischen, damit
Du mit mir und durch mich das Leben kennen lerntest.«
    Mit welchen Gründen sollte ich diese Bitten und Wünsche abweisen? Ich hatte
keine. Wir waren im Mai; im hohen Sommer wollten wir nach der Schweiz gehen und
uns dort verheiraten. Wollte Otbert in seiner jungen Häuslichkeit keinen
Dritten haben - ich begriff das! allein jetzt einen Mann zu entfernen, meinen
Lehrer, Freund und Gast, den ich eingeladen hatte, das schien mir tyrannisch
gegen mich und roh gegen Sedlaczech. Und dennoch erfüllte ich Astraus Wunsch! -
- So wie ich den Entschluss gefasst ihn zu heiraten, hatte ich denselben gegen
Sedlaczech ausgesprochen. Er antwortete mir nichts als:
    »Gott segne Sie in all Ihrem Tun.«
    Seitdem hielt er sich noch ferner als sonst von mir und war auch noch
schweigsamer und zurückhaltender in meiner Gesellschaft. Zuweilen in Otberts
Gegenwart, angeregt durch dessen Gespräche, wurde er lebhaft und mitteilend,
und dann gab es keinen größeren Kontrast als diese beiden Männer sowohl in der
äußeren Erscheinung als in dem Ausdruck ihrer inneren Richtung. Astrau - ein
Sohn der Sonne, glänzend, prächtig, herrschend, siegesgewohnt und bewusst, ein
heitres süßes Spiel aus dem Leben und dessen ernstesten Gaben machend, die
Schatten fliehend, also auch Wehmut, Kampf und Schmerz fast ängstlich
vermeidend - ein verzogenes Kind des Schicksals und der Menschen, dem Alles
geglückt war was er sich je in den Kopf gesetzt, und daher von einem
Selbstvertrauen ohne Gleichen, das ihn zu seinem eignen Gott erhob. Sedlaczech -
eine Mondscheingestalt, die von Millionen unbeachtet lautlos zwischen ihnen
dahin glitt; ein Verstossener aus den Reihen der sogenannt Glücklichen der Welt;
von der größten Schüchternheit, wie der Mangel an Erfolg und vielleicht herbe
Erfahrungen das mit sich brachten; von der nachhaltigsten Ausdauer, die aus dem
unabweislichen Instinkt seines Genies hervorging; voll tiefem Glauben an
göttliche Führung, daher voll tiefer Überzeugungen und gewappnet zu jedem
Kampf; stolz genug um stets das Bewusstsein festzuhalten, dass er seinen Weg
erkannt habe und verfolgen müsse, und wenn auch nicht Einer dies anerkenne; aber
nicht eitel genug um im Selbstvertrauen eine Bürgschaft zu finden, dass seine
Kräfte ausreichen würden für die Mühsale des Weges. Astrau dem Beifall der Welt
entrückt, würde vielleicht ohne poetische Inspiration geblieben sein und gewiss
nicht das Bedürfnis gehabt haben sich ihr hinzugeben. Er behauptete zum
Improvisator oder zum Schauspieler geboren zu sein, da nichts ihn so anfeure und
belebe als die elektrische Spontaneität der geistigen Berührung zwischen
