 schwindet und
zerschmilzt sobald sie dem feindlichen Einfluss enthoben und unter einen
woltätigen gebracht sind. Dann kommen sie zu Atem und zu Besinnung, und müssen
dennoch zugeben, dass die Menschen bei denen sie sich wohl fühlen nicht besser,
nicht klüger, nicht tüchtiger als Jene sind; allein sie haben einen gemeinsamen
und homogenen Lebensäter. Sedlaczech und ich - wir haben einen heterogenen.«
    »Otbert! Otbert! es ist unleugbar viel Wahrheit in dem was Sie sagen und
Jeder von uns hat gewiss dergleichen Erfahrungen gemacht. Aber man muss behutsam
zu Werk gehen, wenn man diese Richtschnur brauchen will; man muss sich möglichst
partei- und leidenschaftlos, möglichst menschenfreundlich und unselbstsüchtig
erhalten; - man muss eine Seele von der sensitivsten Zartheit haben: sonst wird
man in die schneidendsten Ungerechtigkeiten und in die wunderlichsten und
traurigsten Irrtümer verfallen. Der Mensch - durch Kultur der Sphäre seiner
primitiven Begabung entrückt - durch Zivilisation zu einer künstlichen
ausgearbeitet - durch Erziehung noch ganz speciel soll ich sagen gebildet oder
zugestutzt - durch Gewohnheit der Gesellschaft abgestumpft gegen die Erscheinung
des Menschen - durch persönliche Erfahrungen bald misstrauisch bald
blindvertrauend gemacht: der Mensch aus unsrer Zeit und unsrer Welt, ihren
Einflüssen, Regeln und Gesetzen untertan, durch sie gesäugt, von ihnen gewiegt
- sollte eine solche clairvoyance der Erkenntnis haben, dass dieselbe mit seinem
dunkeln Instinkt zusammenfiele, und ihn sicherer führte als Beobachtung und
Prüfung!?«
    »Meine arme Sibylle, entgegnete Otbert mitleidig, Beobachtung und Prüfung
führen uns meistenteils so verkehrt und in die Irre, dass der Instinkt wenig zu
tun braucht um es besser zu machen! - Ich für meine Person halte es, wenn es
auf ein Urteil ankommt, in den meisten Fällen mit dem Ergebniss der
unwillkürlichen, unräsonirten Regung; denn unser mehr oder weniger sophistisches
Räsonnement, durch das zweifelnde Dämmerlicht unsers Verstandes mehr beleuchtet
als erleuchtet, ist ganz dazu geeignet um uns an der Wahrheit selbst irre zu
machen.«
    »Das ist richtig! entgegnete ich traurig. Ach, wie er es auch beginne, dem
Menschen vom Mittelschlag ist Irrtum und Täuschung gewiss! Unsre unvollkommnen
Fähigkeiten werfen ihren tiefen Schatten über die flüchtige Erkenntnis die
zuweilen in uns auftaucht um wie eine himmlische Vision in dem Nebel der
Alltäglichkeit zu verschwinden.«
    »O mein Engel! nichts von diesem Rückfall ins Schattenreich! rief Otbert,
kniete vor mir nieder und umspann mich mit dem eindringlichen warmen Blick
seiner glänzenden schwarzen länglichgeschnittenen Augen. - Sieh, ich bin wie
Orpheus! ich habe die geliebte Eurydice in jenem Reich gesucht, gefunden,
befreit - - ich trage sie in meinen Armen zum goldnen Tageslicht, zum süßen
Liebesleben empor - ich bin freudezitternd über meinen Sieg und meine Seligkeit;
- o jetzt keinen Rückblick mehr, keine Gemeinschaft mit
