 entweder wirklich
vergessen, oder ignorirte es aus geheimen Beweggründen geflissentlich. Dass er
Vollbrecht fein volles Vertrauen noch immer schenken sollte, war bei seinem
misstrauischen und versteckten Charakter, der alles gerade Wesen hasste, nicht
anzunehmen.
    Der Buchhalter beglückwünschte den Grafen kühl zu seiner Besserung und
überreichte ihm zwei Briefe von Adalbert und dessen Gattin. Ein paar Packete,
die zugleich mit angekommen waren, legte er auf den Tisch.
    »Mein lieber Herr Vollbrecht,« begann Adrian, mit den Briefen spielend, »ich
habe Ihnen großes Unrecht abzubitten. Heut, wo ich mich zum ersten Male als
einen zum Leben Erwachten ansehen darf, fühle ich mich unwiderstehlich zu
solcher Abbitte gedrungen; denn ich sehe wohl ein, dass ich nur Ihrer Umsicht,
Vorsorge, Treue und Anstrengung den gesegneten Fortgang meines umfangreichen und
verwickelten Geschäftes zu verdanken habe, und ganz allein durch Ihr ernstes und
zugleich mildes Wesen, durch Ihre Anhänglichkeit an mich und Ihre Herablasung
gegen die unruhige Masse der Arbeiter großer Gefahr entgangen bin. Sie haben
mich gerettet, mich mir selbst erhalten und feurige Kohlen auf mein Haupt
gesammelt. Empfangen Sie für so uneigennützige Liebesdienste den aufrichtigen
Dank eines kranken Mannes, der Sie beleidigte, als er schon nicht mehr bei
voller Besinnung war.«
    Vollbrecht konnte die dargebotene Hand nicht ausschlagen. Adrian drückte und
schüttelte seine Rechte wie ein wahrer Freund.
    »Mit diesem Händedruck lassen Sie das Vorgefallene vergessen, für immer aus
unserm Gedächtnis verschwunden sein!« fuhr Adrian fort. »Gern möchte ich Ihnen
meine Erkenntlichkeit an den Tag legen, allein ich weiß schon, dass Sie ein
hartnäckig edelmütiger Mann sind, dem schwer beizukommen ist. Sie nehmen keine
Geschenke an, nicht einmal an Festen, wie das heutige, wo sich die halbe Welt
beschenkt. Wie, Herr Vollbrecht, soll man es denn anfangen um es Ihnen zu
beweisen, dass man Ihnen Dank schuldig ist? Darf ich Ihnen eine Gehaltszulage
anbieten, ohne Sie zu beleidigen?«
    »Ich würde mich wahrhaft freuen, ja im Innersten beglückt fühlen, Herr am
Stein, wenn Sie das Wohlwollen, welches Sie unverdienterweise mir schenken, auf
Diejenigen übertragen wollten, die es in weit höherem Grade verdienen und dessen
weit mehr bedürftig sind, als ich.«
    »Sie meinen die Arbeiter?«
    »Ihre darbenden Arbeiter!«
    Adrian schloss auf einige Sekunden die Augen, dann sagte er: »Verurteilen
Sie mich nicht, lieber Herr Vollbrecht, der Schein trügt häufig und Handlungen,
die ursprünglich von der edelsten Gesinnung dictirt werden, können sich,
oberflächlich betrachtet, als verbrecherisch darstellen. Fast scheint es mir,
als geschähe dies mit dem Verfahren, das ich seit längerer Zeit gegen meine
Arbeiter beobachte. Läugnen will ich zwar nicht, dass ich
