 Weichheit des Tones die Frage:
    »Wer nannte Herta? Wer sucht sie? Hier ist, was von ihr übrig geblieben!«
    Aurel kehrte ihr das Gesicht zu. Das Unerwartete des vorhergegangenen
Auftritts, die neue Unterbrechung, die gewaltige Spannung seines ganzen Wesens,
die ihn gefangen hielt, gaben seinen Zügen einen so fest ausgeprägten Charakter,
dass die Ähnlichkeit mit seinem Vater schärfer hervortrat, als in der
gleichmäßigen Ruhe des alltäglichen Lebens. So traf ihn Hertas Auge. - Das Licht
entfiel ihrer Hand, sie selbst drohte umzusinken. Mit kräftigen Arm umfing
Gilbert die bebende Frau.
    »Es ist sein Sohn!« lallte sie ohnmächtig. »Wie er ihm gleicht, dem
Entsetzlichen! - -«
    Wir vermessen uns nicht, die Empfindungen beschreiben zu wollen, die nach
dieser Erkennungsscene die Herzen der Beteiligten bestürmten. Herta bedurfte
einer geraumen Zeit, ehe sie vollkommen ihre Fassung wieder erlangte. Emma,
sonst ihre Zofe, jetzt Wahrsagerin aus Not, um den mehr als kargen Verdienst,
welchen beide gerettete Frauen durch den Fleiß ihrer Hände sich erschwangen, zu
mehren, überfiel dem Fremden gegenüber ein Gefühl der Scham, das sie
beängstigte. Aurel war glücklich und betrübt zugleich, glücklich, weil er eine
ihm teure Verwandte wiedergefunden hatte und sie einer Lage entziehen konnte,
die ihrer Geburt, ihrer geistigen und gesellschaftlichen Bildung unwürdig war;
betrübt, weil es ihn schmerzte, dem eignen Vater grollen zu müssen, der so viele
und schwere Vergehungen auf sich geladen und seinen Nachkommen einen befleckten
mit Verachtung oder Ingrimm genannten Namen hinterlassen hatte.
    Diese Entdeckung, dies Wiederfinden hatte der kleine goldene Siegelring
bewirkt. Aurel konnte nicht mehr von ihm lassen. Er war ihm ein Talisman, ein
wunderkräftiges Amulet geworden.
    Mit dieser Überzeugung saß er jetzt neben Herta und führte wiederholt die
zwar magere, aber noch immer schöne Hand seiner Tante an die Lippen.
    »O könnte ich es ungeschehen machen all' das Unglück, das man Ihnen zugefügt
hat!« rief er bewegt aus. »Könnte ich diesen gebleichten Locken den Glanz der
Jugend, diesem schmerz- und ergebungsvoll blickenden Auge den freudigen Strahl
wiedergeben, der aus der Tiefe einer ungetrübten Seele blitzt! Dass ich es nicht
vermag, teure Tante, das macht mich unglücklich! O mein Vater! Mein Vater!«
    Herta war in Gesinnung und Wesen fast unverändert geblieben. Milde,
Versöhnung, den Glauben an Verallgemeinerung eines sittlichen Fortschrittes im
Volk hatte sie festgehalten, selbst in tiefster Erniedrigung. Die Armut hatte
ihr zartfühlendes Herz wohl durch die Qual der Not zerfleischen können, die sie
begleitete, ihre schmutzigen Schlacken, die sich schuppenartig fest zu setzen
pflegen an den ihr verfallenen Öpfern und es durch einen Panzer von Gemeinheit
abschließen von der übrigen Welt,
