 Vorschuss, wir leben
immer von der Zukunft und verlieren so allen Boden unter unsern Füßen! Das ist
entsetzlich, wenn es einzelne Familien trifft, es ist aber der Anfang einer
Weltempörung, wenn Millionen von diesem Gespenst Tag und Nacht geängstigt
werden! Als Junge las ich 'mal in einem Fabelbuche. Darin fand ich eine Ges
chichte von einem Manne, den man an einen Felsen geschlossen hatte, und der nun
so wehrlos zusehen und es dulden musste, wie ein gefrässiger Geier mit scharfem
Schnabel ihm die Leber langsam aushackte! Ich fühlte damals den Schmerz des
Unglücklichen in der Einbildung und konnte das Bild nicht mehr aus meinem
geängsteten Gemüt verjagen. Nun, ich schwöre es Euch bei alle Qualen und
Schrecknissen der Hölle zu, wir armen gefesselten Arbeiter, welchen Namen wir
auch führen mögen, wir sind gegenwärtig jener an den Felsen geschmiedete, von
tausend Geiern zerfleischte Mann! Und wir dürfen nicht seufzen nicht klagen,
nein, nein, wir müssen lächeln, müssen den Geiern Schnabel und Fänge küssen und
streicheln! - Wäre es ein Wunder, wenn die Menschheit in Masse sich selbst
ermordete oder als wahnsinnig gewordene Rächerhorde wutentbrannt die Welt
zerstörte, die so unaussprechliche Leiden und Lasten auf sie häuft?«
    »Damit dies nicht erfolge, müssen wir uns beraten, vereinigen und in Einem
Sinne handeln,« sagte Eduard.
    »Es handelt sich gut in Einem Sinne, wenn es an allen Sinnen gebricht!«
erwiderte Martell verächtlich. »Man hat nicht Mut, wenn man keine Zeit hat,
keinen Erfolg voraus sieht. Durch den Druck sind wir so klein und kleinlich
geworden, dass uns der Gedanke an jegliches Große, Gemeinsame gar nicht mehr
beschleicht! - Und wie ist es anders möglich! Um die Krume Brod verlegen, die
ich heut Abend mit meinen Kindern teilen soll, matt, gebrochen von der Arbeit,
die meine Kräfte verzehrt, wo soll mir die Lust herkommen, das allgemeine Leid
zu überschauen und auf Mittel zu denken, diesem abzuhelfen? - Ich muss ja auf dem
Nächsten, Kleinlichsten haften bleiben, auf dem elenden Kummer, der mich zur
Stunde über wältigen will, weil dieser im Augenblick der quälendste ist,
derjenige, um welchen sich meine fluchwürdige Existenz dreht. Dieser Augenblick
dauert aber Monate, Jahre, ein Menschenleben! Dieser Augenblick, bei Millionen
immerwährend vorhanden, ist eine Ewigkeit! Dieser Augenblick ist die Hölle und
wir, wir sind die Verdammten!«
    »Vergib ihm Vater, denn er lästert!« betete mit leisem Lispeln der spinnende
Traugott.
    »Vergib Ihnen nicht, denn sie wissen, was sie tun!« rief in furchtbarer
Aufregung Martell, indem er beide nackte Arme gen Himmel streckte. »Wer ihnen
vergibt, der lästert Gott
