 offen stehen. An diese Buden lehnen sich
Schenken und Tanzplätze für die niedrigsten Volksklassen in reicher Auswahl.
Hier tummelt sich der Matrose Nacht für Nacht in ausgelassenster Lust und
verprasst, was er zur See sich erspart hat. Ein eigentümliches, wüstes, tolles,
oft wahrhaft satanisches Leben entfaltet sich gegen Mitternacht in diesen
geräumigen Höhlen, ein Leben, wie es in solcher charakteristischen Bunteit, in
solcher Raserei der Lust kaum eine zweite Stadt des europäischen Festlandes
kennt. Wer den Menschen herabgewürdigt bis zum vernunftlosen Tiere, als
willenlosen Knecht der entfesselten Sinnenlust sehen will, der trete in eine
dieser Matrosenkneipen, und er wird seine kühnsten Erwartungen noch übertroffen
finden. Szenen, wie sie unter dem Deckmantel der Nacht sich hier fast täglich
wiederholen, vermag die ausschweifendste Phantasie des Dichters nicht zu
erfinden.
    Zu den besuchtesten Orten des Hamburger Berges gehörte zur Zeit unserer
Geschichte die Mohrentaverne. Man hatte ihr diesen Namen gegeben, weil durch
Zufall die meisten nicht europäischen Matrosen sich hier zusammenfanden. Immer
konnte man sicher sein, gegen Mitternacht in der Höllenglut dieser Taverne an
dreißig Mohren, Mulatten, Indier und Malayen anzutreffen. Der farbige Mensch
herrschte hier, der weiße ward nur geduldet und musste sich ohne Weigerung den
Gesetzen fügen, die zu eigener Belustigung die Fremdlinge jeden Abend auf's Neue
entwarfen und mit unerbittlicher Strenge handhabten.
    Die Mohrentaverne zeichnete sich schon äußerlich durch ihre Gestalt aus. Sie
stellte nämlich eine colossale schwarz geteerte Tonne vor, deren hoher Zapfen
auf dem Spunde zum Schornstein diente. Ihr Inneres war sehr geräumig, bestand
aus Vorraum, Küche, dem großen Gesellschaftslocal und mehreren cabinenartigen
Nebenzellell, die man durch Riegeltüren beliebig verschließen konnte. Im
Hintergrunde, ebenfalls auf Tonnen ruhend, war das Orchester angebracht; denn
ohne Musik kann der Matrose auf dem festen Lande nicht leben. Schlecht
gepolsterte Bänke liefen zwischen den Zellen an den Wänden hin. Hier standen
auch Tische und Sessel für die Zechlustigen, obwohl selten in dem bacchantischen
Getümmel des Tanzes ein paar Menschen ruhig neben einander sitzen konnten.
    Kurz vor Mitternacht traten zwei junge Männer von fast gleicher Größe in die
Tür dieser berüchtigten Taverne. Sie glichen gemeinen Matrosen. Eine kurze
Jacke von verschossenem ziegelroten Tuch, weite schlotternde Beinkleider von
blau und weissgestreiftem Wollenzeuge, grobe plumpe Schuhe von Rindsleder und ein
gewöhnlicher mit schwarzer Glanzfarbe bestrichener niedriger Strohhut bildete
ihre einfache Tracht. Diese späten Gäste waren Aurel und Gilbert.
    Wohl bekannt mit dem Tone, der in diesen Spelunken herrscht, wo der rohe
Matrose nur Leute seines Gleichen duldet und jeden auf höherer Stufe der Bildung
und des Umgangs stehenden Gast sogleich zu entfernen pflegt, umfasste Aurel
gleich beim Eintreten eine stämmige Dirne mit hochrotem Gesicht und Busen, die
unfern der Tür an der Wand lehnte, und erlaubte sich enige nicht eben
