 übersehen
konnte. Ein paar kleine Wölkchen wurden zwischen den Augenbrauen über ihrer
feinen, ganz wenig gebogenen Nase, sichtbar.
    »Magnus!« fuhr sie nachdenklich fort und an dem Zittern des durchsichtigen
feinen Stoffes über dem Busen sah man, dass ihr Herz heftiger schlug. »Wie oft,
wenn er hier war, hat er mir beteuert, dass er nur mich liebe, dass ich allein
ihn glücklich machen könne und dass er elend würde, wenn ich auf meiner Weigerung
bestände. Ich traute seinen Versicherungen und Schwüren nie, denn es liegt eine
Wolke in seinen schwarzen Augen, die verderbliche Blitze birgt. Er ist ein
schöner, ein interessanter, ein gebildeter Mann, und doch kann ich ihn nicht
lieben, nicht einmal gern um mich dulden. - Es ging mir von jeher, wie es diesem
wendischen Mädchen jetzt geht. Armes Kind! - Sie schützt kein mächtiger
zürnender Vater, sie gehört sich nicht einmal selbst! Er kann und wird sie
zermalmen, wenn er es vermag, denn Verzeihung, glaub' ich, ist dem Herzen dieses
unbändigen, heuchlerischen Menschen unbekannt. - Eben darum muss ich ihr die Hand
reichen, muss ich sie retten, und es wird mir gelingen, wenn ich meinem gütigen
Beschützer den Vorfall mit einiger Ausführlichkeit mitteile.«
    Nachdem Herta in solcher Weise für Haideröschen in die Schranken zu treten
fest bei sich beschlossen hatte, ging sie wieder in ihre dämmernde Epheulaube,
durch welche jetzt ein paar schräge Sonnenstrahlen fielen. Hier nahm das junge
Mädchen eine feine Perlenstickerei in die Hand, schlug ein sauber gebundenes
Buch auf und legte es vor sich auf ein Lesepult. Die Hände fleißig rührend, warf
sie häufige Blicke in das Buch, dessen Inhalt sie zwar langsam, aber mit desto
mehr Nachdenken durchlas. Nicht selten nahm sie auch einen Silberstift zur Hand
und unterstrich einzelne Zeilen, die ihr vorzugsweise gefielen.
    Dieses Buch war der eben erschienene Don Karlos von Schiller, der sich
bereits bis in dies abgelegene Schloss der Heide verirrt hatte. Herta liebte
diese eine neue Religion, eine neue Weltordnung predigende Dichtung mit aller
Glut und Begeisterung eines für das ewige Recht, für Menschenwürde und Freiheit
schwärmenden Herzens, und je häufiger sie täglich sehen musste, wie wenig
Hoffnung vorhanden war, die Ideale zu verwirklichen, an denen der Dichter in
seinen heiligen Träumen hing, desto mehr vertiefte sie sich in die berauschenden
Worte, in die hinreichende Gedankenfülle der Dichtung und gelobte sich in der
Unschuld ihres Herzens, das Ihrige mit beizutragen, um der Menschheit jenes
allgemeine Recht, jene ächte und wahre Freiheit mit erringen zu helfen, die
Marquis Posa von Don Philipp fordert. -
 
                                Zweites Kapitel.
                                 Am Teetisch.
Wenn Herta ihrem reichen Verwandten ein Anliegen von Wichtigkeit vorzutragen
hatte,
