 Arbeiten auf Erscheinungen stoßen, die Ihnen nicht fremd sind, ohne
deshalb Portraits zu sein. Die äußeren Verhältnisse bilden den Menschen, wie er
andrerseits die Verhältnisse gestaltet. Sobald ich also neue Verhältnisse
erfinde, muss ich auch die Gestalten der Gegenwart, die mir vorschweben, jenen
erfundenen Verhältnissen so eng anzupassen suchen, dass sie sich gegenseitig
bedingen. Gelingt mir das, so gewinnt die Dichtung Wahrheit, den Schein des
Lebens, und dieser ist es, der dann zu dem Glauben verleitet, man schreibe das
Leben ab, man gebe sich selbst und die nächste Umgebung wieder. Freilich kann
ich die Welt nur mit meinen Augen betrachten und daraus entsteht die
Subjectivität jeder Dichtung; aber ich kann, wenn ich gesunde Augen habe, in die
Weite blicken, ich brauche nicht beständig meinen Nachbar oder mich selbst im
Spiegel anzusehen.
    Es entstand eine Pause, wie sie nie ausbleibt, wenn sich eine Misstimmung in
einen kleinen Kreis eingeschlichen hat. Teophil benutzte sie, sich mit dem
Bemerken, dass er heftiges Kopfweh habe, zu entfernen, aber auch nach seinem
Fortgehen dauerte ein gewisser Zwang fort. Terese besiegte ihn zuerst.
    Mich beunruhigt Teophil's Zustand! sagte sie. Er kann seit einigen Tagen
wieder nicht die geringste Aufregung ertragen, ohne von seinen Nervenleiden
geplagt zu werden. An Arbeiten ist gar nicht zu denken, er ist häufig
niedergeschlagen und ich bin sehr erfreut, dass er sich gewöhnt, diese übelen Tage
bei mir, statt einsam in seinem Zimmer zuzubringen.
    Ihr Mitleid wird ihn noch mehr verweichlichen, als er es schon ist, wendete
Alfred ein. Er ist nur zu träge, sich in ernster und anhaltender Tätigkeit
Kraft zu suchen. Man hat ihm das Leben immer leicht gemacht, das Glück hat ihn
begünstigt, so dass er lange nur zu genießen und mit dem Dasein zu spielen
brauchte. Das Tändeln ist ihm darüber zu einer andern Natur geworden, und als
dann endlich ein Leid über ihn kam, spielte er kindisch mit dem Schmerz. Ich
hasse das an Männern, wenn schon Sie diese Schwäche interessant zu finden
scheinen, schloss er, mit einer Bitterkeit, die ihm sonst nicht eigen war.
    Terese sah ihn lange ruhig an, als wolle sie in seinen Zügen lesen; dann
sagte sie: Was fehlt Ihnen, mein Freund! denn so hart urteilen Sie nicht, wenn
Ihre Seele ruhig ist. Können und wollen Sie mir nicht sagen, was Ihnen geschehen
ist?
    Die Worte sagten nichts mehr, als jede Frau in ähnlichem Falle äußern würde;
aber der Ton der Teilnahme, der Besorgnis machten sie für Alfred unschätzbar.
Es schien, als ob er eines quälenden Zweifels ledig würde. Er ergriff Teresen's
Hand und küsste sie. Sie
