 von den Feinden zu befreien, die seine Grenzen überschwemmten. Die
Welt des Gedankens ist unser wahres Vaterland, die Freiheit des Wollens und
Handelns ein höheres Gut, als die Scholle, auf welcher wir zufällig den Tag
zuerst erblickten. Für diese Heiligtümer streiten wir jetzt; und Keiner, der
mit geistigen Waffen für diese heiligsten geistigen Güter zu ringen Kraft fühlt,
darf in müßigen Träumen feiern. Unser deutsches Volk schwelgt gar zu gern in der
Poesie der Vergangenheit und in nebligen Hoffnungen einer glücklichen Zukunft,
die nicht kommen wird, wenn man sie nicht mit dem Aufwande aller vereinten
Kräfte erschafft.
    Teophil lächelte etwas spöttisch und Alfred, der es bemerkte, fuhr noch
lebhafter fort: Der Dichter, der sein Volk liebt, dem die Menschheit heilig ist,
soll jetzt mit jedem Worte an die Kammer der Schlafenden pochen. Wie der Ruf
eines Herolds soll seine Stimme durch das Vaterland erschallen. So lange nicht
Dasjenige, was das Volk bedarf, was die Zeit erheischt, von Vertretern des
Volkes beraten wird; so lange das Volk nicht frei seine Meinung sagen darf, so
lange muss der Dichter in Bildern für sein Volk sprechen und in Bildern erklären,
was die Nation bedarf und fordert.
    Aber heißt das nicht, wiederholte Teophil, die Poesie vom Himmel zur Erde
ziehen, und den Dichter zum Sklaven der Partei erniedrigen, da er doch über dem
Leben stehen und mit unparteiischem Auge auf die Welt blicken soll.
    Über dem Leben steht Niemand! rief Alfred sehr ernst. Wohl Dem, der auf der
Höhe seiner Zeit steht und sie mit gesundem Auge betrachtet. Ich vermag die
Gegenwart und die Vergangenheit zu überblicken, ich strebe, die Dunkelheit der
Zukunft zu durchdringen; aber immer nur von meinem menschlichen Standpunkte aus,
der innerhalb unserer Zeit, innerhalb des Lebens liegt. Was von dem Punkte, auf
dem ich stehe, mir gerade erscheint, das sieht von einer andern Seite schief
aus; so bilden sich für Jeden, der in die Ferne blickt, die verschiedenen
Ansichten, die Parteimeinungen. Wer davon frei zu bleiben glaubt, irrt gewiss. Es
wäre nur für Denjenigen möglich, der eigensüchtig die Augen schlösse, um Nichts
zu empfinden als sich selbst.
    Ich habe, sagte Terese, bisher eine ähnliche Ansicht wie Teophil über den
Beruf des Dichters gehabt. Ich glaubte, es wäre seine Aufgabe, das Leben zu
verschönen, die misklingenden Dissonanzen in reine Harmonien aufzulösen und uns
die Dornenpfade des Lebens mit Blumen zu schmücken.
    Möglich, dass es einst so war, sagte Alfred, und dass noch mancher Dichter es
so empfindet. Ich, der ich von Grund der Seele Partei nehme für unsere Zeit, ich
vermag es nicht. Wenn ich von den entschwundenen Herrlichkeiten des deutschen
