 wieder mit der einst Geliebten auszusöhnen, aber er kannte das Menschenherz
zu gut, er kannte Julian zu gut, um an die Dauer einer solchen Versöhnung zu
glauben, und es war und blieb ja auch etwas Missliches in dem Verhältnis, das bei
des Präsidenten Stellung doppelt in das Gewicht fallen musste. Dazu war Julian's
Charakter ein sehr eigentümlicher. Bei einer anscheinend kalten Außenseite, die
den Fremden abstiess, besaß er eine große Weichheit des Gefühls und eine
Beweglichkeit des Geistes, die ihn jedem neuen und besonders jedem schönen
Eindruck leicht zugänglich machten. Alles Große und Wahre ergriff ihn tief und
schnell. In solchen Stimmungen war er großer Opfer, war er einer uneigennützigen
Großmut fähig, aber eine anhaltende Begeisterung für denselben Gegenstand, eine
dauernde Liebe lagen nicht in seiner Art. Was er im Augenblick der
Gefühlserregung mit voller Hingebung getan hatte, konnte oft wenig Stunden
darauf sein zersetzender Verstand als lächerlich bespötteln. Diese Charaktere
nennt die Menge Verstandesmenschen, während man sie Gefühlsmenschen heißen
sollte. Sie gelten für stark und sind doch schwach, weil sie nicht nach
Überzeugungen, sondern nach augenblicklichen Eingebungen handeln.
Konventionelle Begriffe, wie Ehrgefühl und Schicklichkeit müssen bei ihnen das
wahre Pflichtgefühl ersetzen, und dennoch sehen wir gerade solche Menschen oft
Taten vollbringen, welche dem selbstständigsten, festesten Charakter schwer
fallen würden.
    Seinen Freunden ein zuverlässiger Freund, seiner Schwester der zärtlichste
Beschützer, besaß er den Frauen gegenüber eine Genusssucht und einen Leichtsinn,
die schon manches Herz verwundet, manches gebrochen hatten. Wenn ihn weibliche
Anmut reizte, trieb es ihn unwiderstehlich, nach ihrem Besitz zu streben; und
ohne jemals seine Ansicht von der Flüchtigkeit solcher Verbindungen zu
verbergen, errang er fast immer Liebe, wo er sie forderte. Er hatte einen
feurigen, phantasiereichen Geist, eine einschmeichelnde Liebenswürdigkeit und
eine überzeugende Wohlredenheit. Dazu besaß er die sicherste Waffe des Mannes
gegen die Frauen, den Ruf, unbeständig und ihrer Ruhe gefährlich zu sein.
    Solch einen Mann, sagte sich Alfred, wollen alle Frauen kennen lernen, man
beschäftigt sich schon im voraus mit ihm. Die Eitele hofft ihn dauernd zu
fesseln; die Edle, ihn zu bessern. Jede traut sich die Kraft und die Klugheit
zu, die Gefahr zu vermeiden, die ihr von dem siegreichen Manne droht.
Leichtsinnig, neugierig stürzen sie sich in den ungleichen Kampf und kehren bald
mit zerrissenem Herzen daraus zurück, wie die arme Sophie.
    Von diesen und ähnlichen Gedanken bewegt, ging er eilig durch die Straßen
und fand sich, ohne dass er es beabsichtigte, vor des Freundes Wohnung wieder. Er
hatte den Klingelzug bereits gefasst, als er sich fragte, was er eigentlich in
dieser Stunde hier bei ihm wolle? Er wusste es nicht und musste sich es endlich
eingestehen
