 Pinsel der Satire! meinte Alfred. Warum
schilderst Du grade eine unglückliche Ehe?
    Weil es mir im Allgemeinen an Vorbildern für glücklichere fehlt; weil eine
Ehe auf gegenseitiges Verstehen, auf geistiges Zusammenleben gegründet, zu den
Seltenheiten gehört.
    Alfred schwieg und Julian fuhr fort: Weiß eine Frau, dass wir sie jeden
Augenblick verlassen können, so denkt sie jeden Augenblick daran, uns zu
fesseln, scheint uns immer neu und reizend, und wir lieben die Schöpferin
unseres Glückes, die dadurch ebenfalls glücklich wird. Dies ist der natürlichste
Erfolg vernünftiger Freiheit. Ich bin in der Tat gewiss, dass Sophie mich liebt,
ich habe nie an ihrer Treue gezweifelt, und sie ist mir, trotz meiner Klagen
gegen sie, unendlich wert.
    Aber Du sähest es nicht ungern, wenn sie auswärts ein gutes Engagement
fände, wie Du mir vorhin gesagt, meinte Alfred. Dies spricht nicht sehr für die
Dauer Deiner Liebe, für Deine Hingebung an sie. Wer sichert sie und Dich selbst,
dass Du nicht jeder ungünstigen Aufwallung gegen sie nachgibst, dass Du sie nicht
morgen verlässest, wenn es Dir angemessen scheint? wenn neue Reize Dich
verlocken?
    Ihre eigene Liebenswürdigkeit.
    Und wenn diese ihre Anziehungskraft für Dich verliert?
    Dann werden wir uns trennen, sagte der Präsident sehr ruhig. Aber glaube
mir, weil Sophie das fühlt, bleiben wir glücklich und vereint. Wärst Du nicht
durch Eide an Karoline gebunden, wüsste sie sich nicht in sicherem Besitz, sie
wäre vielleicht eine treffliche Frau geworden und ihr hättet mit einander wie
die Engel gelebt.
    So wenig Alfred Ursache gehabt hatte, mit seiner Frau zufrieden zu sein, so
verletzte es ihn doch, Julian in dieser leichtsinnigen Weise von ihr und seiner
Ehe sprechen zu hören.
    Du selbst glaubst Deinen Worten nicht, mein Freund! sagte er, denn es liegt
Unedles, Unwahres darin. Wer Frauen so hoch zu schätzen vermag, wie Du Deine
Mutter geschätzt hast, Deine Schwester schätzest, der kann die Gattin allein
nicht zum Gegenstande genusssüchtiger Berechnung erniedrigen, der kann nicht die
treue, liebende Gefährtin, die Mutter seiner Kinder zur Buhlerin entwürdigen
wollen, die man verstösst, wenn man ihrer müde ist. In dem festen
Zusammengehören, in dem Bewusstsein der Dauer, liegen die Heiligkeit, die
Schönheit der Ehe, die uns das Leid gemeinsam leichter tragen, Freude doppelt
genießen lassen und die vollste, edelste Entwicklung der menschlichen Natur zur
Blüte bringen. Wenn wir die rechte Wahl getroffen, eine Frau gefunden haben....
    Und wenn nicht? fiel ihm Julian ins Wort, wenn man die rechte Wahl nicht
getroffen hat? Dann bleibt nichts übrig, als Leiden, vor denen man sich sichert
durch Ungebundenheit. Das Bewusstsein der Freiheit wiegt
