 hatte; ihr graute
vor der Einsamkeit, sie wollte sich den Qualen entreißen, die in ihr tobten, und
eilte in das Zimmer ihres Bruders, um Mut zu fassen in seiner Nähe. Aber das
Zimmer war dunkel, Julian war ausgegangen. Drüben in den benachbarten Häusern
blitzte helles Licht aus manchen Fenstern, während hinter andern ein kleines
Lämpchen schimmerte.
    Lange blickte sie hinüber: Wer weiß, welche Wunden dort unbeachtet bluten,
welche Tränen dort fließen? und Jeder von uns hält sein Leid für das größte,
sein Glück für notwendig, sagte sie sich. Und wir leiden und jauchzen auf dem
großen Ameisenhaufen, den wir stolz die Welt nennen, und über uns gehen die
Sterne ruhig und kalt ihre ewig unwandelbaren Wege. Ein schmerzliches Lächeln
überflog ihr Gesicht. O! wer auf den Sternen wäre, in Ruhe und Frieden! Wer es
wüsste, was recht sein wird vor dem Geiste, wenn die Schranken des Irdischen
einst fallen, wenn Liebe und Freiheit die einzigen Gesetze sein werden! rief sie
und verstummte vor den heiligen Rätseln.
 
                                       IV
Die junge erwartete Hausgenossin war angelangt und Terese hatte sie in ihren
eigenen Zimmern eingerichtet. Aus dem Kinde war ein blühendes gesundes Mädchen
von sechzehn Jahren geworden, das mit seinen großen, dunkeln Augen sehr
verständig umherblickte und sich bald in den fremden Verhältnissen zurecht fand.
Ihre Eltern waren nicht eben reich, hatten viele Kinder, deren ältestes sie war,
und frühe schon hatte die tüchtige Mutter die Tochter als Hilfe benutzt, wo es
im Hause etwas zu schaffen gab. Sie hatte die Eltern oft in Sorgen gesehen,
hatte, soweit ihre Einsicht reichte, Teil daran genommen, die jüngeren
Geschwister erziehen helfen und in Krankheiten gepflegt. Dadurch war sie
praktisch gewandt und über ihre Jahre ernst geworden. Um so anmutiger erschien
es aber, wenn mitten in diesem jungfräulichen Ernst der kindliche Frohsinn zum
Ausbruch kam.
    Terese fand bald Freude an ihrer Gefährtin und vielerlei Beschäftigung
durch und für sie. Sie musste ihr Lehrer auswählen, ihr eine Art Zeiteinteilung
machen und auch für ihre Kleidung Sorge tragen, deren ländliche Einfachheit
nicht für die Kreise passte, in denen sich Agnes für jetzt bewegen sollte.
    Auch Julian nahm Teil an seiner Pflegetochter, wie er sie nannte, und es
gefiel ihm gar wohl, wenn er sich Abends nach der Arbeit an den Teetisch
setzte, der jetzt für vier Personen gedeckt ward. Oft vermehrte Eva die Zahl der
Tischgenossen durch ihre Gegenwart, oder Alfred kam mit seinem Knaben dazu, und
man war äußerlich recht heiter beisammen, während die verschiedenartigsten
widersprechendsten Empfindungen in den Herzen der Einzelnen sich regten.
    Alfred hatte nach jenem Abende lange geschwankt, ob er Terese wiedersehen
solle, ob nicht. Er war viele Tage ausgeblieben und
