 Goeteschen
Bilde vereinbar ist. Durch die schöne, gewandte Form müsste der teuflische Hohn
durchblitzen, man müsste sich wundern, warum Gretchen, warum wir selbst uns vor
dem feinen Ritter scheuen, der uns anzieht und gefällt. Mephisto soll eine
Klapperschlange sein, der die Vögel schaudernd in den Rachen fliegen, nicht ein
Untier, vor dem Alles flieht, was gesunde Augen hat. Soll und muss der Mephisto
durchaus dargestellt werden, so könnte es nur auf diese Weise mit einer Art von
Wahrscheinlichkeit geschehen. Die Hahnenfeder auf dem Hut, das Mäntelchen von
starrer Seide sprechen dafür, und der hinkende Fuß ist kein Hindernis dabei,
denn Lord Byron konnte hinkend alle Herzen bezaubern.
    Es ist wahr, sagte Terese, dass man im Faust auf der hiesigen Bühne der
Phantasie zu wenig Spielraum lässt, dass man in dem guten Willen, Alles recht
deutlich zu machen, manches Possierliche zu Wege bringt. So zum Beispiel
verderben sie ganz und gar die wundervolle Szene im Dome, in welcher Gretchen
von dem bösen Geist ihre Sünden vorgehalten werden, während vom Chore das »Dies
irae, dies illa« ertönt. Diese Szene, die durchaus in die Kirche gehört, geht
auf der Straße vor sich; ein wirklicher böser Geist, ein Gnom von Fleisch und
Bein, schießt aus der Erde hervor, hockt sich zusammengekauert Gretchen
gegenüber und sagt ihr in's Gesicht, was ihr Gewissen innerlich bewegt. Das ist
lächerlich und dergleichen kommt noch mancherlei in der Aufführung vor.
    Lächerlich darf aber eben im Faust nichts sein! rief der Präsident. Es ist
so hoher, heiliger Ernst in der Dichtung. Wer es empfunden hat, wie der Geist
oft mutlos verzweifelt im Ringen nach dem Höchsten, wie man es für unerreichbar
hält und sich verzweifelnd schadlos halten möchte an den Freuden der Erde, die
allerdings ihre unleugbaren Reize haben und große Befriedigung gewähren, fügte
er lächelnd hinzu, der wird mir zugestehen, dass Jeder sich seinen eignen Faust,
seinen eignen Mephisto innerlich erschafft und dass es ein missliches Unternehmen
bleibt, solche Figuren darstellen zu wollen.
    Ich glaube auch, wir bringen den rechten Sinn nicht mehr in das
Schauspielhaus mit, meinte Teophil, wir prüfen zu viel, wir beurteilen zu
viel.
    Darum muss man uns nur Dasjenige bieten, was die Prüfung, die Beurteilung
aushält, antwortete der Präsident. Unsere Gesinnung, unsere Anforderungen haben
sich mit der Zeit geändert; wir wollen noch unterhalten sein, wie früher, aber
Das, was man uns als Unterhaltung vorschlägt, erfüllt den Zweck nicht immer. Wir
sind des ewigen Liebesgewinsels, der kleinlichen Eifersuchtsscenen müde, wir
wollen größere Motive, weil unsere Zeit größere Zwecke hat.
    Wie sehr man dies überall empfindet, bemerkte Teophil, dafür zeugt ja
