 Ach Kind, es ist was Trauriges, lies dies Blatt,
was ich hier beilege, und was ich an meinem mondhellen Schreibtisch schrieb,
gestern, als ich Deinen Brief in der Dämmerung zum zweitenmal überlesen hatte
und über Kunst und Deine Verwandschaft zu ihr viel gedacht hatte.
    Sobald wir Geschichte der Kunst sagen wollen, setzen wir eine einzige Kunst
voraus, die aber nur Idee ist und als Kunst nie existiert hat, denn es liegt
eine historische Unmöglichkeit in der Totalbildung aller Menschen, und sobald
diese eine Kunst soll dagewesen sein, müsste diese Totalbildung dagewesen sein,
und nach meiner Meinung ist nur nach dem Ende der Welt eine solche einzige Kunst
dagewesen. Es gibt keine einzige Kunst, denn die Kunst kann nie gewusst werden,
und nur die Künste waren da. - Diese einzige Kunst kann nie gedacht werden, denn
solange noch gedacht wird, ist die Kunst noch nicht bewiesen einzig, da das
Denken in der Kunst aufgehoben sein und als Gedachtes erscheinen muss. Es gibt
ein einziges Leben, denn alles Leben ist ein Gelebtes, die Kunst aber ist ein
ungelebtes Leben und ist daher im Leben unmöglich. Das einzige Wissen ist das,
dem eine einzige Kunst entgegengesetzt werden könnte; da aber diese totale Kunst
das ganze Wissen aufheben würde, indem diese sogenannte einzige Kunst das
ungewusste Wissen ist, so kann diese einzige Kunst nur im allgemeinen Tode liegen
oder im allgemeinen Nichtwissen, wir wissen von keinem Wissen als durch unser
Dasein, unser Dasein ist unsere Trennung von dem Äußeren durch die Sinne. Unsere
Sinne sind der Gegensatz der Kunst oder der Künste, und je höher unsre Sinne
gebildet sind, je mehr Künste sind da, denn jedem Grade des Wissens ist eine
neue Kunst entgegengesetzt. Die Kunst ist also nimmer da als lebendig, sondern
als Tod. Denn bloßes vollendetes Dasein ist Tod, - Schönheit ist Tod - jede
angenommene Kunst als einzige Kunst kann also nur ein verlornes sein und daher
alle Erhebung, alle Rührung bei echten Kunstwerken nur religiös und nicht
künstlerisch. Kunst ist daher Bedingung der Religion, wie Religion Unbedingung
der Kunst; und Kunstwerk ist Bedingung dieser Bedingung in der Erscheinung. Wie
Erscheinung Bedingung einer gewissen Konstruktion des Wissens ist; aber nie des
totalen Wissens, denn dieses ist Nichtwissen, weil zum Wissen keine Gleichheit,
sondern Sieg gehört. Es gibt also nur Künste, und Sterben ist nur der Sieg des
größeren zu wissenden Tod oder der allgemeinen Unsterblichkeit.
    Freundschaft hat allein keine Gottheit, weil sie übersinnlich ist! -
    Hier fielen mir die Augen zu; grade im Augenblick, als ich Deinem Genius
widersprechen wollte, der in einem Deiner früheren Briefe Dir diktierte,
Freundschaft sei Brudermord.
    Ach, ich bin matt und müde und höchst traurig. - Der
