 den Zoll anhalten. Aber so wahr
diese unumstösslichen Ohrengesetze nur verschimmelte Vorurteile sind, die der
Genius mit der Ferse von sich stößt, so wahr werden diese Gefühlsanrechte, denen
ich drohe, dass sie mir nicht auf den Hals kommen sollen: als Freundschaft,
Großmut, Milde, Mitleid (das ist das allerekeligste), Gerechtigkeit, Nachsicht,
Ehrgefühl und alle sittlichen und Moraltugenden ein elend Ende nehmen - es sind
Vampire, die dies Selbstsein des freien Willens heimlich lüstern aufsaugen.
    Alle Tugend komme von Gott, steht im Katechismus. Schachert der Gott so mit
dem Pfennig des Verdienstes? - Verdienst ist Schimäre, ist Lüge. Das fühlt der
freie Geist, und bei ihm wird die reine Kraft nimmer zum Verdienst sich
ausmünzen, die man abwägen könne; nein, sie ist das Selbstsein. Wer ist der
verdienstlose freie Geist? - Der soll König sein! Von ihm fällt der Verdienst
ab, er muss frei sein. Verdienst macht ihn unfrei, denn er muss sich ihm
verpfänden. Dies ist aus meinem Tagebuch, worin ich meine Revolutionsgedanken
aufschreibe: »Der ist nicht König, der aus Hilfsmitteln der Not das
augenblickliche Mögliche benützt, um seine Verdienste daraus zu bilden. Nur der
ist König, der ganz frei, ganz mächtig diesen Adel des Willens an seiner Zeit
ausbildet. - Willkür kann nicht hervorgehen aus dem Adel des freien Willens, sie
ist zusammengesetzt aus unfreier Bildung, die der Egoismus der Klugheit
ausgedacht hat. - Und Freundschaft ist ein vorbereitender Egoismus jener
Bildung, die den Platz des freien Willens sich angemasst.« - Ich könnte Dir noch
mehr aus diesem Buch absonderlicher und verwirrlicher Gedanken aufzeichnen, die
wie mutwillige junge Herden untereinander sich stoßen, die aber ein gewaltiger
Hebel sind dieser freien Natur in mir. Ich hab der Großmutter draus vorgelesen,
und sie meint, ihr sei bange, ich könne vom Fels stürzen. »Auch im Geist kann
man sich versteigen, mein Kind«, sagte sie und erzählte mir die Geschichte des
Kaisers Max auf der Martinswand, sie sagte, die Engel sollen ihn da wieder
heruntergetragen haben, aber nicht immer sind diese bereit, wenn man sich so
mutwillig versteigt. - »Was brauch ich denn wieder herunter, liebe Grossmama,
wenn ich mich oben erhalten kann? - Könnte ich denn nicht auch ein
Wolkenschwimmer werden?« - »Kind meiner Max«, sagte sie, »was hast du vor
wunderliche Gedanken«. Auch darüber kann ich mich trösten, wenn meine Gedanken
nicht mit der Klugheit der Menschen übereinstimmen; diese Klugheit verträgt sich
nicht mit meiner hüpfenden und springenden Natur, die in allem sich selber
verstehen will und wie ein Speer sich der Klugheit entgegenwirft. »Das weiß
Gott«, sagte die
