 Aber alles kann ein Umstand dieses Lebens werden, auch was sonst kein
Umstand ist; die Geschichte eines andern Menschen. Insofern nun diese mit unserm
höheren oder bürgerlichen Leben in Berührung kommt, bildet sich uns der
Mitbürger, der Genosse, der Nachbar, und bei totaler Berührung, der Freund.
Dieser kann, ewig fortschreitend, in höherer Annährung endlich sich beinah mit
uns durchdringen; dies nenne ich das Anziehen, Erfassen, es wird endlich zum
Bedürfen. Denn es geht von der einen Seite die nämliche Tätigkeit aus wie von
der andern und wird endlich geistige Lebensforderung. Und hier, wo vier Arme
offen sind, entsteht die Umarmung, der Bund, und dann die Trennung mit
Einverständnis in einem dritten, das Ziel. Endlich aber das Wiederfinden, wenn
jeder seinen halben Zirkel durchlaufen hat. Das Leben ist zwischen zweien
vollendet; jeder hat das Seine im Sinne des andern errungen; sie haben sich im
Mute verwechselt, im Streben getrennt und durchdringen sich nun im Errungnen, in
der Ruhe des Bewusstseins, das Ziel. Von hier aus geht ein neuer Abschnitt der
geistigen Lebensgeschichte an, diese Ruhe, dies errungne Ziel ist der stille
Punkt eines erhöhten Werdens, denn die Verzweigungen geistiger Verhältnisse
gehen ins Unendliche, sie sind der wahre Sakontalabaum, der Blüte und Früchte
zugleich trägt. Und das beglückt ja so unendlich in der Freundschaft, dass der
junge Blütenbaum, noch ganz innerlich beschäftigt mit dem Treiben seiner Blüte,
bewusstlos die Nahrung reift für den Geist, der auf ihn angewiesen ist. Bei
dieser Gelegenheit sage ich Dir, dass ich dies schöne Buch, die Sakontala, für
Dich bestellt habe; Du musst sie in wenig Tagen erhalten. Ich wollte sie Dir erst
mitbringen, um sie vielleicht mit Dir zusammen zu lesen; aber wenn wir
beieinander sind, da ist ja immer Blumenzeit, und da findet sich so manche Blume
am Weg, die wir spielend betrachten, dass wir zu keiner Beschäftigung und zu
keinem ernsten Resultat kommen. Die Sakontala soll ein solches Resultat in Dir
bilden. Was an andern Menschen als vorüberstreifender Genuss auch nur eine äußere
Bildung bewirkt, das fasst in diesem Freundschaftklima Wurzel und wird
selbststrebender Geist.
    Ich habe Dir hier in der Berührung mit dem Freunde die Geschichte jeder
Berührung mit dem Lebendigen erzählt, deren Bedingung die Wahrheit ist, wenn sie
nicht das elendeste Verderben in uns hervorbringen soll, denn alle Trauer, alle
Unzufriedenheit ist eine Folge der Lüge; nicht grade der Lüge in uns, sondern
der Lüge an sich. Eine Ansicht, die wir von jeher, durch uns und andre, durch
Unerfahrenheit, durch das, was noch nicht ergründet ist, haben, ist Lüge an
sich; - und fähig sein, heißt daher nichts als Anlage
