
                                                                    Dein Klemens
Du sollst einem meiner Freunde, der dich bittet, den ich und viele für den
einfachsten, genialischsten Menschen seiner Zeit halten, ein kleines Geschenk
machen, sticke, nähe irgend etwas; es ist Ritter, der Naturphilosoph, der Freund
der Gachet, denke was Hübsches aus, sage niemand, für wen.
                                 Liebe Bettine!
Du schreibst mir nicht, dies martervolle Schweigen ertrage ich nun sechs Wochen.
Dein letzter Brief erregte mir Zweifel, die mich ungeduldig auf den folgenden
machten, ich schrieb Dir in einer ganz entgegengesetzten Empfindung, wollte Dir
sagen, dass die Basis alles sittlichen Gefühls nicht Stimmung, sondern Wahrheit
sei, dass die Wahrheit wieder nur echte Religion sein könne, dass aus dieser kein
lügenhafter, sondern ein ganz echter Bildungstrieb nur hervorgehe, der in jeder
Handlung, in jeder Äußerung den ganz reinen Menschen darstelle; dass eben nur
dieser Mensch allein wirkungsfähig sei, das wollte ich Dir sagen, ich wollte Dir
aber nichts sagen, was Misstrauen gegen Dich beweise; was ist das nun, dass Du
schweigst? Ach wolltest Du mir doch nur einige Hilfe leisten, so würde mir das
eine Erholung sein, woran ich jetzt verzweifle, nämlich den Wegen nachzuspüren,
die sich Deinem höheren Interesse anfügen. Deine Briefe sind ja doch keine
Kunstarbeit? - Oder kannst Du sie nur in gewissen Stimmungen hervorbringen? Da
doch so vieles darin sich noch ganz unentüllt zeigt, vieles nur ahnungsweise
anregt. Wie kommt's, dass dies alles Dich auch nicht reizt, es noch ferner in Dir
zu beschauen und mir mitzuteilen? Es ist etwas sehr Vortreffliches und Seltnes,
Briefe zu schreiben, die bloß die Geschichte des Herzens zum Gegenstand haben,
ohne zu lügen. Ich will hier dies näher auseinandersetzen. Der gebildete Mensch
oder der empfindendere lebt ein doppeltes Leben, er lebt das gesellige
praktische Leben seines Standes, seiner Familie, und lebt das Leben seines
Geistes, seiner Begriffe, seiner Empfindungen. Jenes Leben ist gebunden und
bestimmt durch seine Umgebung und den Punkt, auf den er in der bürgerlichen Welt
gestellt ist; dieses aber hat das Universum, die Natur, und das eigne Gemüt zum
Gegenstand, insofern es frei in sich selbst fortbildet, ohne dass das praktische
Leben des Menschen darauf einwirke. Beides zusammen bildet seine Geschichte, die
(wie sich diese beiden Leben in ihm mehr oder weniger bestimmen, aufheben oder
durchdringen, oder gegenseitig erhöhen), die Geschichte eines schwankenden,
einseitigen, geschlossenen oder ewig fortstrebenden Gemütes ist. - Die Berührung
des höheren Lebens in uns, mit dem Leben, welches durch die Umstände
hervorgebracht wird, bildet die Bequemlichkeit oder Unbequemlichkeit unserer
Lage, unsre Zufriedenheit, unser Gedeihen, was jedem Geschöpf das Klima und der
Boden ist.
