 zu
verstellen, das erste wär komisch und das zweite schändlich. Du schreibst also
bloß, wenn ich Dich durch einen Brief, der Dich an das Bessere erinnert, in
Deinem Geist aufrühre. - Aber kennte ich Dich nicht besser, müsste ich dann nicht
glauben, Du ließest es bei dieser bloßen Andacht bewenden, und auf das gerührte
Gefühl des Erweckten in Dir folge keine Arbeit, kein Streben? Beinah willst Du
mir's weismachen! - Darum hab ich Dich aufgefordert, Gedanken, Geschichten,
Begebenheiten, Fragen, Meinungen usw. niederzuschreiben, damit Du mir ohne
Anstrengung schreiben könnest und Dich nicht dazu erst zu stimmen brauchst, es
war mein Wunsch, denn ich selbst lerne durch Dich mich aussprechen. Wie schön
sind Deine letzten Briefe davon erfüllt, wie wahr und warm Deine Reminiszenzen
aus den Kinderjahren, wie tief Dein Gedächtnis noch aus Deinem ersten und
zweiten Lebensjahr. Liebste Bettine, bedenk Dich doch, dass solche Eigenschaften
von der Natur als köstlichstes Lebensgeschenk in die Seele geprägt sind, dass es
feinste Organisation des Geisteslebens ist, so schreiben zu können. Vielleicht
sag ich manches in meinen Briefen, was Dich stört, lass es ungesagt sein.
Überhaupt nähre das Vertrauen, denk, Du sprichst auf der Höhe auf freien Bergen
oder im tiefen Wald, wo nur die Natur Dich auffordert zum Sprechen, nicht der
verblendete Mensch, der vielleicht eigensinnig. Oft erschreckt es mich, und es
kommt mir vor, als wär Dein Gefühl und Dein durch dies Gefühl gebildeter kühner
Wille lange wie eingesperrt gewesen und bräche nun so stolz und unbändig hervor,
so berührte mich eben ein großer Teil Deines letzten Briefes; ich habe mich
gefragt, ob ich durch Äußerungen Deinen eigentümlichen Wendungen in den Weg
getreten sei, und beinah glaube ich's, denn auch in diesem Augenblick fühle ich,
wir stimmen nicht ineinander.
    Ich wollte Dir noch mehr schreiben, aber eben erhalte ich einen Brief von
Leonhardi, er habe Dich zweimal gesehen, und wenn die Zeit schöner werde, wolle
er öfter nach Offenbach kommen; ich finde das nicht weiter sehr wünschenswert,
weil unbedeutende Menschen oft einen Einfluss haben, eben weil sie das Bedeutende
aufheben, ich habe jedoch nichts weiter zu erinnern als dem Leonhardi doch nur
höchstens scherzend zu begegnen, auf andern Wegen würdest Du ins Philistertum
geraten, denn er ist ein hypochondrischer Mensch, der sich leicht einbilden
kann, er sei dies oder jenes und müsse Dich wärmen oder schützen oder Dir
Weltansichten eröffnen, ein solches Pfuscherwesen lasse Dir nicht in den Weg
treten. Er hat Bücher und kann Dir die geben, die ich will. Sei stolz und lasse
Deine Einsamkeit Dich nicht verführen, Deine Zeit an Menschen zu verlieren, von
denen Du nichts gewinnst.
