 war,
was den Geist auf eine würdige Art fesseln kann. Deine Aufsätze, teilweise auch
Deine Briefe, stellen daher oft mehr Selbstgespräche vor, oder eine Art Gebete,
in denen der Gedanke sich selbst lieben und würdigen lehrt und in einer
sehnsuchtsvollen Andacht verweilt. Diese Andacht ist von allen Gesichtspunkten
heilig und unverletzlich, da sie allein das Erwachen eines trefflichen Menschen
verkündigen kann; sie liegt über der Bildung wie alle Gottesverehrung als die
erste Poesie des Menschen; sie ist die Morgenröte vor dem geschäftigen Tag, der
Frühling und das Kindliche in dem Fortschreiten jeder Art von Leben überhaupt;
so schienen Deine Briefe und Ergiessungen bisher mir auch nur die erste schöne
reflektierende Bewegung Deines Erwachens in der lieben Welt, und Dein Gefühl,
Deine Rührung und Dein Gott sind eins und dasselbe darin; ein Morgengebet eines
an sich frommen Menschen, den man nicht grade dazu angehalten hat. Wolltest Du
meinen, in Deinen Briefen spräche bloß Deine Liebe, Dein antwortender Geist zu
mir, so täuschest Du Dich, sie sind Deine Liebe zu allem, so wie es Dein
reflektierender Geist über alles und in allem ist, den Du mir anvertraust; Du
kannst nicht zweiflen, dass sie mir daher das höchste lebendige Interesse
umfassen, und dass Deine Geistesanlagen mir ebenso heilig sind, als es mir
rührend ist, dass Du sie mir anvertraust; warum ich also wünschte, dass Du die
Kette dieser reizenden Lebensaufregungen nicht unterbrechen mögest, das erweist
sich von selbst, da es aber ebenso unmöglich als unnatürlich sein würde, ewig
oder sehr oft in dieser Rührung zu verweilen, ja am End komisch und dann gar
schändlich werden könnte. Es gibt solche Epochen in der Geschichte, wo dasselbe
im großen geschah. Diese Epochen bildeten ihre Krankheitsstoffe aus, als die
Andacht nicht mehr im einzelnen Menschen vor dem Verstand sicher war und daher
allgemeine Religionen hervorkamen, dann als gar keine Andacht mehr da war und
eine Menge Religionszeremonien ihre Stelle vertraten, das war komisch, und da
die Religion als Mittel zu schlechteren Zwecken gebraucht ward, das war
schändlich, denn sie ist die Krone alles Lebens und die einzige Ruhe in uns, die
jede einzelne Bildung krönt, und indem sie über alles Ungebildete bloß Zufällige
erhebt, dieselbe dem ganzen Dasein, Gott und uns zugesellt. Diese Andacht also,
die Liebe, die Du in Deinen früheren Aufsätzen aussprichst, oder auch Deine
Sehnsucht überhaupt, zu bilden und gebildet zu werden, kann nur wie der Morgen
jeden Tag einmal und wie der Frühling jedes Jahr einmal und wie die erste
kindische Poesie jeder Völkerbildung in dem Volke nur einmal erscheinen und so
ins Unendliche in diesem Zirkel rückwärts und vorwärts in engeren und weiteren
Kreisen, und es wäre daher komisch oder schändlich, Dich dazu zu zwingen oder
