 liebst. - Die ästhetischen Briefe von Schiller - hast Du sie
gelesen? -, so bedaure ich Dich für die Pein; sie sind für eine kindliche Seele
etwas hölzern. Hiervon schweige gegen die Großmutter, sie tut Wunder der Güte in
ihrer Art - und Du sollst sie ehren. Schreibe, wenn es möglich ist, Deine
Empfindungen während oder nach der Lektüre nieder und schicke mir so etwas,
überhaupt sprich in Deinen Briefen oft mehr über den ganzen Kreis Deiner
Empfindungen, wie sie nämlich in die Welt hinausstrahlen, als über ihre
Konzentration.
    Was Du tust, erhalte Deine Seele in reiner jugendlicher Liebe zum Großen und
Schönen. Auch die Sinne wollen die Befriedigung in der Schönheit, sie suchen es
in sich und in dem, was Einfluss auf sie übt. Du fühlst Dein Ohr beleidigt durch
eine klanglose raue Stimme, die keinen Geist widerhallt, so Dein Auge lenkt ab
von dem, was seinem Schönheitsreiz widerspricht. Oder es forscht nach der
tieferen Schönheit des Geistesadels und der Güte, wenn es mit hässlichen Zügen
sich bekannt macht. So ist das unschuldige Auge der strengste, aber auch der
edelste Richter, ja der König unter den Sinnen, denn es begnadigt den, der
unverschuldet gegen die Schönheit sündigt, es erhebt und rächt ihn an den
stumpfen Sinnen, die das Tiefe nicht von der Oberfläche unterscheiden.
Seelenreinheit im Verkehr mit andern, ohne Vorbedacht, ohne Berechnung, die
allein ist der helle Kristall, durch den das Leben in seiner Ursprünglichkeit
begriffen wird, und die aus sich selbst die ewigen Motive immer wieder erzeugt,
welche eine verwirrte Welt umwälzen und ihre primitive Kraft ihr wieder
verleihen. Verstehst Du mich? - Nur solchen Naturen schließen sich alle
Lebenstiefen auf, nur sie werden gesund zwischen Lastern, ansteckenden
Krankheiten der verwirrten Zeit hindurchgehen, nur sie werden Heilung
ausströmen, nur sie werden taube Ohren hörend und blinde Augen sehend machen.
Sei unbekümmert um die Zukunft, es gibt keine; wenn Du in jeder Minute rein und
voll und ohne Langeweile lebst, so gibt es nur eine gegenwärtige Ewigkeit.
    Es würde mich freuen, wenn Du wolltest Dich mit dem Englischen beschäftigen.
Sprachen sind ein großer Gewinn, sie enthalten außer der Verschiedenheit des
Ausdrucks auch noch ein melodisches Genie, und dies erzeugt wieder auch ein
tanzendes Genie im Geist. Und willst Du hinter alle Geheimnisse des Geistes
kommen, so nehme nur Rücksicht auf das Leben, was die Sinne führen, es spricht
Dir Befähigung und Kraft und Neigung aus. In unserer äußern Welt konstruieren
sie eine erhabene Geisteswelt, die reifen muss in ihr und endlich sich selbständig
zur Welt gebären muss. Das ist unsre Erlösung aus dem Irdischen ins Himmlische. -
So wie der Tanz Dich lebendiger und rascher macht. -
