 dran
gewöhnt, und man tut's so leicht, weil es einem wohltut, aber ein solcher Brief
ist zu sehr Stimmung, und ein Wort gibt zu sehr das andre, da eigentlich die
Seele allein jedes Wort geben soll. Schreibe mir von Euren Scherzen und
kindischen Einfällen und kleinen Naseweisheiten. Liebe Deine Geschwister und
besonders die um Dich sind, mach Dich ihnen unentbehrlich, mache Dich allen
geliebt und geehrt, dann ist Dein Inneres ungestört und Deine äußeren
Verhältnisse recht angenehm in der Welt. Spiele brav Klavier, singe, zeichne und
lerne, wo Du kannst, nur damit kannst Du Dir Deinen Lebenskreis erweitern. Ich
sehe Dich bald wieder, zu Ostern komme ich gewiss, ich bin gar sehr vergnügt
hier, und nächstens schreibe ich Dir alles, wie ich hier lebe. Freude, das ist
das Höchste, es ist Gesundheit an Leib und Seele, die man gibt und empfängt.
                                                                    Dein Klemens
Ob Du mir abgebrochene Gedanken schreiben kannst, wie wenn wir zusammen
sprechen? - Liebes Kind, so gut ich von hier aus Dir nicht ins Wort fallen kann,
noch ehe Du's gefunden hast, würde ich Dich wohl auch nicht so gut verstehen von
so weit. Und dann ist's ja auch ein Kunstinteresse, sich voll und bündig
ausdrücken zu lernen. Der Schreiber muss zugleich an sich selber schreiben, denn
er selbst muss durch den Brief mit sich bekannt werden, Du sagtest mir ja, dass
Dir die Welt so unendlich weit vorkomme und Du Dir selber wie verloren darin
seist. Und dann sei Dir Dein Lebenskreis wieder so enge, dass Du nur ganz kleine
Schritte vorwärts tun könnest. Dies alles kommt daher, dass Du mit Deinem inneren
Menschen noch nicht bekannt bist, Du begreifst Dich noch nicht, aber in den
Briefen schaust Du in den Spiegel Deiner Seele, darum tut die tiefste Wahrheit
Dir selber gegenüber so not, um auf keinen Irrtum zu geraten über Dich selbst.
Denn die edle Seele hat eine höchste Bestimmung! Dieser nachzukommen ist ihre
ganze Aufgabe, die Welt ist so voller Ereignisse, ist ein Gewebe, in dem jedes
Menschen harmonische Bildung ein notwendiger und haltbarer Faden sein muss. Nicht
jeder Faden braucht als sichtbare Figur eingewebt zu sein, aber zur Tüchtigkeit
und Festigkeit des Gespinstes trägt jeder bei, der die Wahrheit in sich
begründet, ja es ist nicht anders möglich so, als dass er eine Hauptvermittelung
aller wesentlichen Entwickelung werde. Doch was ich Dir hier sage, was Deinem
Alter und Deinem Gedächtnis nicht angemessen ist, vergiss es wieder, Liebe, und
lasse Dir ins Herz geschrieben sein, dass selbst Jugendspiele und Scherze - kurz
alles, was Dir hier dem Gesagten gegenüber vielleicht unbedeutend erscheint, nie
unbedeutend sein kann
