 Strahl erinnernd an ihre Stirne
und lässt sie mahnend tönen. Für die Kunst aber ist immer nach ihrem Untergang
ein solcher wohltätiger, wenngleich armer, doch allein würdiger Träger jene ihre
ernste, strenge, rechte, oft pedantische Periode gewesen, die wir Schule nennen.
Wenn die freie genialische Produktion das sterbliche Kind der Unsterblichkeit,
seinen schönen blühenden Leib, dem Scheiterhaufen des ewigen Geschickes
hingegeben, dann sammeln fromme und gerechte Menschen das bloß Rechte,
Notwendige und Gesetzliche, ich möchte sagen Matematische aus ihrem Andenken
und stellen uns das Gerippe des Untergegangenen in seiner gesetzlichen Schönheit
vor Augen, das, mit Verstand drapiert, oft lange noch herrlicher und
bewundrungswürdiger, ja würdiger ist, als wir es sind, die es nicht verstehen.
Manche Völker haben nur der Schule zu verdanken, dass sie noch eine Ahnung der
Künste besitzen, und ich halte es für eine Weisheit, Bescheidenheit und Mäßigung
Goethes, auf seiner Stelle für das Theater die Schule in Deutschland aufgestellt
zu haben, die seinen Bemühungen dauerndern Wert geben wird, als wenn er alle
Genialität auf dieser Bühne zu einer Zeit losgelassen hätte, wo nichts als eine
Tierhetze daraus werden konnte. Es ist nicht Not in der Kunst, das Vortreffliche
anzuschaffen, es ist Not, das Schlechte, Falsche, Verkehrte abzuschaffen, denn
alles Vortreffliche erblühet aus dem Rechten und Wahren. - Die Freiheit ist die
Blüte des Gesetzes, der Tod aller darstellenden Kunst aber ist die Eitelkeit und
Selbstgefälligkeit, und ich werde mir es niemals nehmen lassen, dass einst die
strenge, grausam scheinende bürgerliche Verachtung der Schauspieler ein
Hausmittel der Geschichte war, vortreffliche Künstler zu haben. Um auf die Bühne
berufen zu sein, dazu gehört ein Schatz von Talent und Unschuld, der die ganze
Welt mit ihrer Ehre gewissermaßen wie ein Schiff in den Grund bohrt, um über den
Lampen auf der Zauberinsel der Fata Morgana zu landen. Jetzt aber gleicht das
Theater einem Strande, dessen Bewohner aus gestrandeten Schiffern bestehn, die
sich ganz wohl befinden; ist hie und da ein Robinson drunter, den wir gern
ansehen, so spielen seine Gehilfen doch die Affen zu schlecht, indem sie aus
Eitelkeit sich ihre Menschlichkeit immer merken lassen, als dass man nicht lieber
den Kampeschen Robinson läse, als ihm zusähe. -
    Die große Trauer und Angst aber, die mich bisher immer im Parterre,
besonders wenn die Helden und Biedermänner, die ersten Liebhaber männlichen und
weiblichen Geschlechts in ihrem durch ganz Deutschland hergebrachten
edelmütigen, ekelhaften, eitlen, heuchlerischen, mit Empfindung eingesalbten Ton
die Tränen und Seufzer des unschuldigen Publikums erwürgen und erjammern, geht
mehr aus einem allgemeinen Entsetzen über dies Geschick der Kunst als aus
Unwille über die Schauspieler hervor, die sich unendlich quälen und allen
möglichen Lohn und Dank verdienen;
