 größte Ehrfurcht vor ihr hegte, obschon man von der Grausamkeit des
Herrn von Möhn sich leicht eine Idee machen konnte, der mit lauter Postillionen
von morgens bis abends im Wirtshaus lag, ohne der Frau je zu gedenken, ein
Vermögen verzettelte und verschleuderte von mehreren Millionen. Das Herz durfte
dieser Tante nie aufgehen - sie musste mit der Form alles bekämpfen, und so ist
ihr auch nur die Form im Umgang mit Menschen geblieben. Hätte sie je mit sich
selber Mitleid gefühlt, so wär die Festung der Konvenienz, in der sie sich
verschanzt hielt, wie Schnee geschmolzen, dann war sie dem Mitleid ausgesetzt
oder auch der Verachtung, beides ist gleich in gewissem Sinn und soll in allen
Lagen des Lebens gemieden werden. Man soll Mitleid mit niemand haben, man soll
sich vielmehr schämen, dass es so werden konnte. Der Unglückliche steht immer
groß dem gegenüber, der sich im Hafen des Glückes wähnt und wohl befindet, da
doch wahrscheinlich ihm die bessere Tendenz ganz ermangelt, also den
Unglücklichen bemitleiden heißt dumm sein, nein, vielmehr soll man vor dem
Unglücklichen sich schämen glücklich sein zu können auf eigne Faust; sich
irgendeinen Lebensgenuss aneignen zu können oder zu wollen, der nur Beraubung
dessen ist, der nicht mitgeniesst. Hat der Mensch irgendein Weh, so fühlt er sich
krank, ist aber ein Teil der Menschheit gedrückt und bedürftig, so tanzt der
übrige Teil mit einer Art Wollust ihm auf dem Kopf herum, so lang er's zu tragen
vermag, hat er ihn gänzlich zusammengetreten, dann fällt's ihm wohl ein, durch
Mitleid die arme Seele zu kitzeln, die aber gar nicht mehr wirklich, sondern
schon lange zum Gespenst geworden ist. Gespenster fühlen ein Behagen an solchem
Tugendgekitzel, sie schmeicheln sich selbst, sie tragen sich auf Händen, sie
haben einen faktizen Verkehr mit Gott, der aber nur Götzendienerei ist, sie
belämmern alle Menschen mit ihren Anstalten der Menschenliebe; es fällt ihnen
gar nicht ein, dass sie selber die bösen Schicksalsdämonen sind, deren
Grausamkeit sie gerührt beweinen, und der sie steuern wollen mit einem Stück
Englisch-Pflaster von dem sie mit der feinen englischen Schere der Mildtätigkeit
Schnippelchen abschneiden, um damit den aufgesperrten Rachen der entsetzlichen
Wunden zu verkleben, aus denen das warme Blut an die Erde quillt. - Ich möchte
wohl aufhören, noch weiter darüber zu sagen, denn Du fühlst alles, und besser.
Mitleid ist aus Verachtung geboren und ist auch eigentlich Verachtung, und
edelgeborne Menschen werden durch Mitleid sich entwürdigt fühlen, sie wollen
lieber die eignen Kräfte dran setzen, als vom Mitleid sich betauen lassen, und
so kommt es oft, dass diese große Helden werden, die dem Mitleid ausweichen; denn
natürlich liegt der Keim des
