 morgens
früh wecke ich den Franz und laufe mit ihm in die Gemüsgärten vor der Stadt. Das
ist meine beste Zeit. Da ich mit der Gundel in einem Zimmer wohne, so ist das
Eckelchen, worin ich mich bewege, sehr klein, dafür hab ich einen größeren Raum
bei der Günderode im Stift, wo ich Landkarten male von Alt-Griechenland. - Doch
dort kommt der alte Domherr von Hohenfeld hin und sieht auf mich herab und gibt
mir Anweisung, das ist mir unangenehm. - Ich hab früher mit dem Sonnenschein
gern verkehrt, jetzt ist mir lieber die Nacht, wo ich auf den langen dunklen
Gängen spazieren gehe und erwarte, dass ein Geist kommt mit mir zu reden; mit dem
Dominikus unterhalte ich mich über die Republik der Herbstspinnen auf der
Altane. Wohin ich gehe, ist der wie von einem allgemeinen Landregen aufgeweichte
Pfad der Langeweile, in dem man leicht mit dem Schuh stecken bleibt und nicht
weiter kann! - Doch sollte ich mich nicht fassen können und meinen Geist auf die
Weide treiben (Du nennst es Bildung meiner Seele, ist mir ganz unverständlich!),
»ich soll mein auffallend Betragen unterdrücken«, weiß nicht, in was es besteht,
- soll die »Sitte als eine Allerweltsprache aus freier Anmut führen lernen«, wo
ist das Theater, wo man diese Rolle spielt? -
    Du hast es also gewünscht, ich möchte Offenbach verlassen, um in einen
höheren Kreis und Verkehr mit der Welt zu treten. Lieber Klemente, in dem
Offenbacher Kreis war die Katz zu Haus, in diesem hier tanzen die Mäuse auf dem
Tisch! - Die Katze konnte ich verstehen und Lehre von ihr annehmen, obschon ich
oft dabei gähnen musste. Das letzte, was ich ihr vorlas, sind die lettres de
Madame de Sevigné, es hat ihr sehr leid getan, dass sie meiner Seelenbildung
nicht konnte diese letzte Hand anlegen. Hier verstehe ich wohl, was sie meint.
Diese an eine Tochter geschriebne Briefe sind ein eleganter Tanz der Seele auf
dem Tanzplatz der höheren Welt, wo alles ihrer Grazie bei jeder Wendung Beifall
klatscht. - Ich werde nie in die Verlegenheit kommen, solche Briefe schreiben zu
müssen. -
    Adieu, Klemens. Ich werde auch unter den Mäusen keine Gelegenheit haben,
mich geltend zu machen; es ist ein apart Geschlecht, ich gehöre nicht dazu.
    Ich hab einen recht garstigen Singlehrer, einen alten Distelbart! Pfui! Wie
mir der zuwider ist; wenn er fort ist, mach ich Fenster und Türen auf, damit die
Atmosphäre seines Dagewesenseins nicht im Zimmer eingeklemmt bleibe. - Wenn Dir
nächstens geschrieben wird, dass ich über Schmerzen auf der Brust klage, so
bedaure mich nicht, ich muss lügen um
