 Lebensgang zu
gehen begehrte - und wieder trat das alte Schreckbild zwischen ihn und sein
Glück. - Aber war dies Schreckbild nicht zu bannen? Warum sollte er nicht, wie
tausend Andere, einem Glauben entsagen, dessen Form allein ihn von der übrigen
Menschheit trennte? Was band ihn an Moses und seine Gesetze? Es sträubte sich
bei diesen ebenso viel gegen seine Vernunft, als bei den Lehren Jesu. Warum
nicht einen Aberglauben gegen den andern vertauschen, und mit der Geliebten
vereint zu dem allmächtigen Wesen beten und rein vor seinen Augen wandeln? -
Aber war es denn allein der Glaube, den er zu verleugnen hatte? War es nicht
auch das Volk, in dem er geboren war, von dem er sich losreißen musste? Das
uralte Volk, das in tausendjährigen Kämpfen seine Selbstständigkeit zu wahren
und damit seine innere Mächtigkeit zu bekunden gewusst hat? - Kann man sich
losreißen von seinem Volke? fragte er sich, darf ich um meiner
Selbstbefriedigung willen mich von meinem Volke trennen, weil es ungerecht
missachtet, weil es unterdrückt wird? - Nimmermehr! - Unzählige meiner
Stammesgenossen haben ausgeharrt in Treue, haben Verbannung und Tod erlitten um
ihres Glaubens und ihres Volkes willen, und ich wäre feig genug, auf meines
Herzens Wünsche nicht verzichten zu können, während die Meinen leben und mich
lieben, während es mir gegeben und geboten ist, so viel ich vermag, für die
unterdrückte Nation zu wirken, der ich angehöre; sie frei zu machen aus
Sklavenfesseln, die Jahrhunderte auf ihr lasten. Wie mag ich mein Glück, das
Glück des Einzelnen, so hoch schätzen, während mein ganzes Volk nicht glücklich
ist! Ehe ich meineidig werde an den Meinen und an meiner Ehre, mag dies Herz
brechen in Sehnsucht nach der Geliebten, nach meiner süßen, schönen Klara! Und
wieder und immer wieder wollte der männliche Entschluss wankend werden, bei dem
Gedanken an die Geliebte. Eduard malte es sich aus, wie auch Klara's Seele
leiden werde unter der Trennung, die er über sie und sich verhängen müsse - wie
sie ihm zürnen werde, weil er so großes Weh über sie bringe - und doch vermochte
er noch weniger den Gedanken zu ertragen, sich und ihr durch die Taufe alle
diese Schmerzen zu ersparen und sich mit ihr zu verbinden. Er war entschlossen
und resignirt, aber tief traurig, als er langsam den Rückweg nach seiner Wohnung
antrat. Reiflich überlegte er, wie er sein künftiges Betragen gegen Klara
einrichten werde, wie kein Blick, kein Wort das Gefühl seiner Brust enthüllen
solle, und das bleiche Licht eines Wintertages sah bereits durch seine Fenster,
ohne dass Eduard daran gedacht hätte, sich zur Ruhe zu legen. Der Morgen fand ihn
todtmüde in einem Lehnstuhl
