 Kranke viel Schmerzen ertragen müsse. Da könntest
Du Geduld und Ruhe lernen, Jenny, schloss er seine Rede.
    Es scheint, als ob Klara überhaupt eine gute Lehrerin ist, antwortete jene
schnippisch, denn es ist nicht zu leugnen, dass sie Dir auch manche Begriffe
beigebracht hat, die Dir früher nicht geläufig waren. Ich sagte es noch gestern
zur Mutter, das ewige Politisiren hast Du Dir ziemlich abgewöhnt, dafür bist Du
aber so zerstreut und träumerisch geworden, dass Du gar nicht hörst, wenn man mit
Dir spricht. Entweder macht Dir Deine Patientin solche Sorgen oder Du langweilst
Dich bei uns zu Hause.
    Eduard hörte das gelassen an, und seine Mutter meinte: Etwas selten bist Du
wirklich in der letzten Zeit zu Hause geworden, und verändert finde ich Dich
auch, mein Sohn! Kannst Du uns sagen, woher das kommt, so wirst Du mich
beruhigen.
    Was Ihr für närrische Frauen seid! rief der Vater lächelnd. Ist denn das
Leben nicht täglich neu, die Natur nicht täglich verändert, und Eduard sollte
unwandelbar die gleiche Stimmung haben? Könnt Ihr wissen, was in seinem Berufe
sich für neue Verhältnisse seinem Geiste aufdrängen, und wie klein und
beschränkt ihm Eure Interessen gegen die seinigen oft erscheinen mögen? Da kommt
Ihr mit Euren Haus-und Familiengeschichten und wundert Euch, wenn man nicht mit
Anteil danach hört, und nennt das kalt, nennt es zerstreut. Eduard hat, wenn er
einst selber Hausherr sein wird, die Kunst zu lernen, mit dem Ohr zuzuhören,
ohne dass das Gehörte bis in den Kopf dringt, das lernt sich aber mit den Jahren.
    Wollte Gott! sagte die Mutter, augenblicklich zugreifend, wo ihr eine
Handhabe für ihr Lieblingstema dargeboten ward; wollte Gott, Eduard wäre erst
so weit. Ungebunden, wie er jetzt ist, lässt er sich in Dinge ein, die ihn nicht
kümmern; er nimmt, wie man so sagt, kein Blatt vor den Mund, er äußert
politische Ansichten und Hoffnungen, die unnötig die Augen der Regierung auf
ihn gerichtet erhalten, und wenn man ihn warnt, heißt es ein für allemal: Was
tut's! ich bin ja unabhängig, ich bin ungebunden!
    Das heißt, erläuterte der Vater, Du möchtest unserm Sohne mit dem süßen
Rosenband der Ehe zugleich eine tüchtige Kette anlegen, eine möglichst kurze,
damit er nicht zu große Sprünge machen könne. Die Mutter macht's wie Julia in
Shakespeare, »so liebevoll missgönnt sie ihm die Freiheit.«
    Freundlich nahm der Sohn die Hand der Mutter und sagte: Und doch waren heute
meine Gedanken mehr mit häuslichen Verhältnissen, als mit allgemeinen Interessen
beschäftigt. Ich hatte Gelegenheit, einen Blick in das innere Leben einer
