 ganze Tal genießt, saß das Brautpaar am Fuße des
Berges in dem Schatten einer Laube und Jenny erzählte dem Geliebten, wie sie
noch gestern ihn habe beschwören wollen, sie zu verlassen, und wie schwer ihr
der Entschluss geworden, weil sie ihn so lieb, so herzlich lieb habe. Alle ihre
Besorgnisse sprach sie ihm offen und frei aus, selbst jenes Gespräch der
Stiftsdame teilte sie ihm mit, das sie so tief verletzt hatte, und fragte: Wird
es Dich nie schmerzen, wenn Du Ähnliches hören müsstest?
    Niemals! sagte Walter entschieden. Glaube mir! Habe ich es je als ein Glück
empfunden, auf den Höhen des Lebens geboren zu sein, so war es, weil von dieser
Höhe aus, mir jene Vorurteile, die den Sinn der Menge verwirren, stets so gar
klein und töricht erschienen sind, weil dieser Standpunkt unser Tun und
Handeln sichtbar und zur Richtschnur für viele Andere macht. Ich bin stolz
darauf, Dich, Du Geliebte, mit der Grafenkrone zu schmücken, zu zeigen, dass mir
Dein Besitz mehr gilt als alle Würden der Welt; und kein Tadel kann mich
verletzen, da ich weiß, dass nie ein herrlicheres Weib unsern alten Namen
getragen hat als Du!
    Und Dein Onkel? Deine Angehörigen? Werden sie mich willkommen heißen, werden
Sie gleich Dir denken? wandte Jenny ein.
    Mein Onkel ist ein edler Mann und hat wie ich nicht mit dem Leben zu ringen
gehabt; wir fanden unsern Platz bereitet. Darum würdigt er, gleich mir, die
Stellung, die das Verdienst unserer Voreltern uns erworben; aber er ehrt auch
die Würde Desjenigen, der sich selbst erst seine Welt erschaffen muss. Je freier
ein edler Mensch sich selbst empfindet, je weiter wird sein Herz, je lebhafter
empört er sich gegen Fesseln, die man den Andern anlegt, gegen Unterdrückung und
Unrecht. Mein Onkel billigte meine Wahl nicht, ich gestehe Dir das ein, weil sie
die alte Sitte unsers Hauses gegen sich hatte; nun sie unwiderruflich ist und
mein Glück begründet, wird er Dich lieben, wenn er Dich sieht, und gerade in ihm
wirst Du wie ich ihn kenne, einen Freund und Beistand finden.
    In solchen Gesprächen und in fröhlichen Entwürfen für die Zukunft flogen die
Stunden vorüber, und der Vater musste Jenny endlich daran erinnern, welche
Absicht sie hieher geführt.
    Wie leicht mit Glücklichen zu unterhandeln sei, das hatte der Vater der
kranken jungen Frau bald rühmend zu erkennen. Was er irgend verlangte, wurde ihm
schnell und gern gewährt. Man kam überein, ihm eine Summe zur Erweiterung seines
Gewerbes anzuvertrauen, während man für die Tochter und ihr Kind ein Kapital
festsetzte, hinreichend, sie unabhängig von ihrem Vater zu unterhalten, der
