 er sich knabenhaft in Riesenplanen für die Zukunft
verlor, bedauernd gegen ihn äußerte: Armer Meyer, Dir hilft ja all Dein Lernen
Nichts, Du kannst ja doch nichts werden, weil Du nur ein Jude bist.
    Von dieser Stunde ab war der Knabe wie verwandelt. Er erkundigte sich eifrig
nach den Verhältnissen der Juden, er fühlte sich gedrückt und gekränkt durch
sie, und nur sein angeborner Stolz verhinderte ihn, sich gedemütigt zu fühlen;
doch entwickelte sich durch das Nachdenken über diesen Gegenstand bei ihm sehr
früh der Begriff von jenen Rechten des Menschen, die Alle in gleichem Grade
geltend zu machen vermögen, das Bewusstsein innern Wertes, und ein Zorn gegen
jede Art von Unterdrückung. Je älter er wurde, und je mehr er erkennen lernte,
welche Vorzüge ihm schon bei seiner Geburt, durch die Aussicht auf eine
glänzende Unabhängigkeit zu Teil geworden waren, je bestimmter er einsah, zu
welchen Ansprüchen ihn seine Fähigkeiten einst berechtigen dürften, um so mehr
empörte sich sein Herz gegen ein Vorurteil, das alle seine Hoffnungen
unerbittlich vernichtete.
    Grade in der Zeit von Eduard's Kindheit war wieder eine neue Judenverfolgung
durch ganz Deutschland gegangen und die allgemeine Stimmung hatte sich natürlich
auch in der Schule sichtbar gemacht, die Eduard besuchte. Spott und Kränkungen
mancher Art waren nicht ausgeblieben; man hatte wohl gehofft, der feige
Judenjunge werde Alles ruhig dulden. Darin hatte man sich aber geirrt. Eduard's
Charakter war furchtlos, und er erlangte durch Übung bald eine Gewandtheit und
Entschlossenheit, die Jeder sich anzueignen vermag. Er lernte fechten, reiten,
schwimmen, und nachdem er sich ein paar Mal mit starker Hand selbst sein Recht
verschafft hatte, fand er Ruhe, und endlich auch wieder seine frühere überlegene
Stellung zu seinen Gefährten wieder. Hatte der Jüngling früher in einzelnen
Momenten dem Gedanken Raum gegeben, sich von dem Judentume loszusagen und
christ zu werden, so verschwand der Plan plötzlich bei dem Anblick der
Rohheiten, die er als Knabe selbst von sogenannten gebildeten Christen gegen
seine Glaubensgenossen ausüben sehen. Er konnte sich nicht denken, dass das Recht
und die Wahrheit sich auf einer Seite befänden, die so zu handeln im Stande war,
und Verfolgung machte auch ihn, wie tausend Andere zu allen Zeiten, nur fester
seinem Volke angehörig.
    Er hatte sich aber in jener Zeit gewöhnt, sich in der Opposition zu
empfinden und das Gefühl verließ ihn nie wieder, weil er beständig in
Verhältnissen lebte, die dazu gemacht waren, seine Opposition hervorzurufen.
    Da Eduard keine Neigung für den Kaufmannsstand hegte, beschlossen seine
Eltern, ihn studieren zu lassen, wobei ihm freilich nur die Wahl blieb, Mediziner
zu werden, oder nach beendigten Studien in irgend einem andern Fache als
Privatgelehrter zu arbeiten, da ihm
