 die edelsten Frauennaturen ohne
Schädigung zu tragen vermögen. So beruht die ganze Entwickelung der weiblichen
Seele auf dem Verhältnis zum Manne; und man darf das Weib nicht der Falschheit
anklagen, wenn es den geheimnisvollen Prozess seines geistigen Werdens schamhaft
der Welt verbergen möchte. In der ganzen Natur schreitet die Entwickelung so
mystisch verhüllt vor, dass wir fast überall nur das Fertige erblicken, ohne uns
über das Werden Rechenschaft geben zu können. Warum verlangt man es denn anders
von den Frauen? Es mag den Mann stolz machen, die sichtbare Vorsehung des Weibes
zu sein; zu fühlen, dass Glück und Unglück ihm aus seiner Hand kommt; aber es
sollte ihn auch Mitleid und Schonung für die Armen lehren, die echt biblisch die
Hand küssen, welche sie schlägt. Man hat sich nicht zu wundern, wenn einst die
Stunde kommt, in der das Weib gleichen Schmerz mit dem Manne zu tragen berufen
ist, es ruhig in liebender Ergebung zu finden, wo der Mann gegen das Schicksal
tobt, so lange er die Möglichkeit begreift, ein besseres Loos zu ertrotzen.
    Das Letztere war denn auch Eduard's Fall, der nicht allein die Geliebte
verlor, sondern der aufs Neue glaubte eine Unbill rächen zu müssen, die man an
ihm, an seinem Volk begangen. Er hasste in der ersten Leidenschaft des Schmerzes
die Welt, die noch immer in stumpfer Gefühllosigkeit Recht und Wahrheit
verhöhnte. Seine Phantasie erschrak vor keiner noch so gewaltsamen Maßregel,
welche ihn zum Besitz der Geliebten, zur Erlangung seines guten Rechtes führen
konnte. Dann, als der erste Sturm vorüber war, las er Klara's Brief aufs Neue
und verstand die Schönheit einer Seele, die so zu entsagen vermochte. Er konnte
die Zeit nicht erwarten, in der es ihm vergönnt sein würde, sie wiederzusehen,
und durfte doch nicht wagen, den ersehnten Augenblick herbeizuführen, ehe sie
ihn dazu berechtigte. Sein Herz war noch tief erschüttert, als sein Geist schon
wieder zu seiner Klarheit gelangte und sich an einem Gedanken mächtig
emporrankte. Um sein Glück war es geschehen, sein Leben hatte man der reinsten
Freuden beraubt; darum fühlte er den Mut, Alles von sich zu werfen, sein
Vaterland, seine Aussichten für die Zukunft, selbst seine Freiheit, wenn es sein
musste, um damit das Einzige zu erkaufen, das noch Wert für ihn hatte: die
bürgerliche Gleichstellung seines Volkes. Diese Idee gab ihm die nötige Kraft,
noch an demselben Tage vor seinem Vater zu erscheinen und ihm zu verkünden, er
habe das Spiel verloren, auf das er alle seine Hoffnungen gesetzt.
    Der Vater war bewegt. Auch ihn traf der Schlag doppelt, in seinem Sohne und
in seinem Volke, obgleich ihm das Gelingen dieser Angelegenheit höchst
zweifelhaft
