 umherliegenden Tabellen und Dokumente zusammenzusuchen
und in das Privatgemach zu bringen, ließ er sich über den hallenden Korridor
leuchten.
    »Morgen früh, Punkt 9 Uhr, fahren wir wieder in die Stadt!« Der Baron warf
die Tür seines Schlafgemaches hinter sich zu. Traurig schritt Jean Baptiste
durch das finstere Schloss und schüttelte bedenklich mit dem Kopfe.
Dem deutschen Adel geht es wie allen andern Teilen (Klassen) der deutschen
Gesellschaft, er hat so wenig Entschiedenes und Ausgeprägtes, dass er nie mehr
dazu kommt, eine Partei zu bilden, und auch deshalb schon längst aufgehört hat,
politisch bedeutend zu sein. Dies Aufhören einer politischen Bedeutung des
deutschen Adels, wenn diese Bedeutung überhaupt jemals im Großen existierte, ist
auch schon so lange her, dass die heute lebenden einzelnen Individuen dieser
Klasse sich ganz bei ihrer Nichtigkeit beruhigt haben. Jenen großen Schmerz, den
eine gewaltige Partei bei ihrem Sturz empfindet, den der französische Edelmann
bei der Revolution empfand und den heute der englische Aristokrat zu erkennen
gibt, wenn ihm die Bourgeoisie täglich neue Wunden schlägt, hat seit
undenklicher Zeit den Seelenfrieden unsrer deutschen Gentilhommes nicht mehr
gefährdet. Sie haben sich daran gewöhnt, politisch Null zu sein, und während
ihre soziale Bedeutung zur einen Hälfte darin besteht, besser schießen, reiten,
tanzen und Schulden machen zu können als mancher Plebejer, hat sich der andre
Teil mit redlichem Eifer auf den Staatsdienst geworfen oder bestellt seine
Felder als guter Ökonom oder wirft sich der Industrie in die Arme wie jeder
andere vernünftige Mensch. Es kann uns daher auch nicht einfallen, in diesem
Roman einen alten Adligen im englischen oder französischen Sinne des Wortes
allseitig als Gegensatz zu einer bürgerlichen Gesellschaft schildern zu wollen,
nein, unser Baron d'Eyncourt ist in dieser Klasse jener bürokratisch, ökonomisch
oder industriell tätigen Edelleute nur eines jener still regalierenden deutschen
Individuen, die hin und wieder noch auf dem Sitz ihrer Väter fortwuchern, halb
schon zur Mumie geworden, halb der Gegenwart angehörend, ohne große Trauer um
das Vergangene und ohne viel Interesse an der Zukunft. Unser Baron ist ein Mann,
der gern lebt und gern leben lässt, der sich leicht freut und selten erzürnt, der
sich selbst mit einem guten Humor über alles hinwegsetzt, was seiner materiellen
Glückseligkeit schadet und schaden kann, und nur dann stolz und indigniert sein
graues Haupt erhebt, wenn jemand einen Makel auf seine eigne übrigens redliche
und biedere Sinnesart werfen oder andere in seiner unmittelbaren Nähe lebende
Personen grausam unterdrücken wollte. Mit einem Wort, unser Baron ist ein
patriarchalisch aufrichtiger Philantrop; dies ist das einzige, was bei ihm
entschieden im Vordergrunde steht, und daher auch das einzige, was ihn
entschieden mit der Gesellschaft in Konflikt bringt. Dass dieser Konflikt immer
größer wird, je mehr
