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    »Hypochonder und nervenschwach nennt man mich! Ach, nicht die Nerven - die
Seele ist schwach! die fürchtet eine Last auf sich zu laden, der sie nicht
gewachsen ist.«
    »Nennen Sie Ihre Seele nicht schwach, sondern klar!« rief Faustine. »Allen
Zügeln, allen Lenkungen zum Trotz, lässt sie sich nicht durch die Verhältnisse
bestechen, sondern erkennt den Weg, auf welchen ihr Heil nicht liegt. Haben Sie
je so verständig, so überlegt mit Herrn von Feldern gesprochen?«
    »Wie oft! aber er versteht mich nicht. Ich denke, dass Männer nicht gleich
uns Fühlfäden an ihren Seelen haben.«
    »In gewöhnlichen Zuständen mögen wir ihnen an Takt und Feinheit überlegen
sein,« sagte Faustine, Andlaus eingedenk, mit tiefer Innigkeit; »aber wenn ein
Mann liebt - und das geschieht öfter, als die Frauen es eingestehen wollen - so
umfängt er wie eine Sensitive das Geliebte, und fühlt früher, stärker jede
dämmernde Regung, jede Wolke der Empfindung, jeden keimenden Dorn der
Missstimmung, jede schwellende Knospe des Glücks. Aber freilich - lieben muss er.
Liebe ist ewig der Ring des Djemschid, welcher das Verständnis der Dinge
verleiht.«
    »Feldern liebt mich .... sagt er« -
    »Ja ja,« sprach Faustine und ein Schatten von Cunigundens Melancholie legte
sich auf ihre blütenweisse Stirn, Erinnerungen zogen wie finstre Träume ihrem
innern Auge vorüber - »die Männer lieben auf allerlei Weise, und es gibt
freilich eine, die uns elender macht, als je ihr Hass uns machen könnte. Von der
rede ich nicht; denn wenn ich von ihr redete - fügte sie mit dem leisesten,
bebenden Ton hinzu, aber ihr Auge flammte und ihre Wange glühte - so könnte ich
nicht anders als sie verfluchen.«
    Sie presste krampfig beide Hände vors Gesicht und schüttelte den Kopf, dass
ihre Locken wie Bäche die Hände überrieselten. Dann warf sie Kopf und Haar
zurück, ihr Anblick tauchte beruhigt aus der Flut der Erinnerungen auf und sie
strich lächelnd, träumerisch über die Stirn, als hätten Gespenster sie geneckt.
    »Erschrecken Sie nur nicht über mein rasches, heftiges Wesen,« bat sie
lieblich. »Ich habe nun einmal eine Seele, deren Normalzustand ein fiebernder
ist. Damit hat man goldenselige Phantasien oder grausige Phantasmagorien; aber
letztere kommen mir selten und immer seltener. Von Ihnen wollen wir sprechen.
Sagen Sie mir, wie sich Ihr Schicksal in Ihrer Familie gestalten würde, wenn sie
entschieden mit Herrn von Feldern brächen?«
    »Ich glaube fast, dass ich zu gleicher Zeit mit meiner Familie brechen würde,
denn meine Mutter ist nicht daran gewöhnt, dass wir ihren Wünschen entgegen
handeln und sie
