 sah, jedoch nicht über das irdische
Heute hinweg - dachte nicht daran, dass am erreichten Ziel der Abschied ihr
bevorstehe, und war während der Reise so liebenswürdig, dass Andlau selbst zu
glauben anfing: er bringe den Wünschen seiner Brüder ein unermessliches Opfer.
Manche Menschen werden immer liebenswürdiger, je mehr Augen sich auf sie
richten; nicht aus Eitelkeit, sondern weil ihnen der allgemeine Beifall
Zuversicht gibt und sie anregt. Andere sind am liebenswürdigsten einer einzigen
Person gegenüber, wenn diese ihrer Eigentümlichkeit zusagt; viel Augen, viel
Fragen, viel Einwürfe stören sie. Es kommt dabei sehr auf die jedesmaligen Gaben
an, sogar auf physische. Wer witzig ist, wer schlagende Antworten gibt, wer
eine elegante Form des Ausdrucks, ja, gar ein wohltönendes Organ besitzt, fühlt
sich behaglich in dem größeren Zirkel. Wo Ernst und Sinnigkeit vorherrschen, wo
die Rede nicht schimmert, wo der Ton der Stimme leise ist, da sind weniger
Zuhörer willkommen. Faustine, wie fast alle einsam, d.h. ohne großen
Familienkreis, lebenden Personen, hatte eine leise Stimme. Wo eine bedeutende
Schaar von Geschwistern ist, mit denen man doch auf gleichem Fuß stehen - oder
von Kindern, denen man befehlen muss - da wird die Stimme von selbst laut und
tönend; sie soll gehört werden und bisweilen dominiren; aus dem Hause bringt man
diese Gewohnheit in die Gesellschaft hinüber. Wer allein lebt, ohne Kinder, ohne
Hauswesen, nur mit einem oder zwei Menschen in vertrautem Umgang, der ist nicht
im Stande, in einem übervollen Salon zu sprechen, es müsste denn sein, dass Alles
schwiege, wenn er redete. Faustine hatte eine leise Stimme, die immer leiser
wurde, je inniger und eindringlicher sie sprach. Es ward zuletzt wie ein Klingen
der Seele, aber ganz verständlich, so wie man die Aeolsharfe und das Murmeln des
Baches ganz genau versteht. Daher sprach sie in der Gesellschaft nur mit ihren
Nachbarn rechts und links, sie machte kein allgemeines Aufsehen, aber der
jeweilige Nachbar war captivirt, wenn sie sprach, - was auch nicht immer
geschah. Den Wecker an der Uhr stellt man auf eine bestimmte Stunde: dann
schnurrt er sein Stückchen ab; der Mensch ist keine Sprechmaschine, die ihr
gegebenes Thema abhaspelt. Von innen muss er angeregt werden, nicht von außen,
wenn er etwas Gescheutes hervorbringen soll. In Faustinen war Alles vereinigt,
um sie Andlau gegenüber am liebenswürdigsten zu machen; ein Hauptgrund aber war
der, dass er sie liebte. Es ist die schwierigste Aufgabe für eine Frau, auf die
Dauer und durch lange Jahre hindurch, liebenswürdig wie keine Andre für den Mann
zu bleiben, mit dem sie verbunden ist. Die entnervende Gewohnheit weht über ihn
hin
