 geliebtes
Wesen nicht zu verstehen. Das gibt der Liebe ihre Göttlichkeit, dass sie, wie
Gott, das Verständnis der Seelen hat. Der Verstand zweifelt, die Forschung
grübelt, die Vernunft prüft - die Liebe weiß. Aber das ängstigende, lose,
unzusammenhängende, verliebte Wesen, das die Leute Liebe nennen, kann freilich
nicht viel wissen. Das rät so herum, auf gut Glück, auf Geratewohl, irret,
trifft, trifft aber nie den Mittelpunkt des Seins, nie den Moment, wo die Knospe
der Aloe aufspringt, welche alle hundert Jahr nur Einmal blüht. Ist ein
Märchen! ist eine Fabel! sprechen die Klugen; die Naturforscher wissen nichts
von solcher Aloe! - Aber die Dichter wissen von ihr, meine Herren und Damen; wer
hat nun Recht? Die Dichter sind ein uraltes, mystisches Volk, das ganz andre
Dinge geschaffen hat, als eine Aloe, die nur alle hundert Jahre Einmal blüht.
Bei den chaldäischen Schäfern ist's in die Schule gegangen, und die Priester von
Memphis und von Dodona sind seine Zöglinge gewesen. Schlagt nach den Homer! die
Götter hat er geschaffen. Was wüsste man denn von dem ganzen Olymp, wenn der alte
Homer ihn nicht so genau beschrieben? Schlagt nach den Moses. Die ganze Welt hat
er geschaffen. Die weisesten Hypotesen späterer Jahrhunderte taugen nur dann
etwas, wenn sie mit seiner übermenschlichen und doch so ganz menschlichen Poesie
übereinstimmen. Was die Geschichts- und Naturforscher auch entdeckt haben mögen
- Homer und Moses sind noch nie dabei zu kurz gekommen. Verlasst euch auf die
Dichter, meine lieben Menschen, selbst wenn sie euch von der fabelhaften Aloe
erzählen, die nur alle hundert Jahr Einmal blüht. In der dürren, heißen Wüste
des Lebens, wo die Bäche versiegt sind und die Bäume versandet, wo kein Lüftchen
weht und kein Vogel singt, unter dem brennenden Aequator des Herzens - da steht
sie doch und blüht allen Naturforschern zum Trotz - aber freilich - nur alle
hundert Jahr Einmal. Wer kann aber wissen, ob die hundert Jahr nicht gerade um
sind, wenn er vor sie hin tritt?
    Wenn Jemand mein Büchlein ungeduldig fortwirft, so kann ich es ihm kaum
verargen. Er hat sich darauf präparirt, eine kleine Geschichte zu lesen, und ich
erzähle ihm Märchen! Er verlangt, dass ich ihn - nicht, dass ich mich selbst
amüsire. Es ist recht schwer, Autor- und Leserkopf unter einen Hut zu bringen.
    Die Zeit vergeht mit derselben Schnelligkeit, wenn man in beständigem
Wechsel und in ruhigster Einförmigkeit lebt. Wieder ein Tag vorbei! spricht der,
welcher zwölf Stunden friedlich bei seiner Arbeit verbracht hat, und der,
welcher die Sehenswürdigkeiten eines fremden Ortes wie ein Irrwisch
