 Vogel kahl für die unerwärmbaren Kreideeier.«
    »Und die Nutzanwendung?« fragte Andlau etwas erstaunt.
    »Was ich an Liebe und Zärtlichkeit im Herzen habe, streue ich, ohne mich zu
besinnen, vor Dir aus, und bin gewiss glücklich genug, dass Du es mir gestattest,
denn wo sollte ich sonst damit bleiben? Aber Du, Du nimmst absichtlich den
weichen Flaum fort, damit ich mir immer etwas Neues und Frisches, immer eine
andere Weise aufdenken möge, um Dir zu sagen, wie ich Dich liebe.«
    »Wenn Du das von mir glaubst, so bestrafe mich und denke Dir nichts Neues
auf.«
    »Das würde mir aber ein großer Zwang sein.«
    »Du siehst, liebe Faustine, unsre Natur ändern wir nicht. Du musst die Fülle,
die Glut, die Pracht der Deinigen aushauchen durch Wort und Bild und Ausdruck.
Ich, der ich ohnehin nicht Deinen Reichtum habe, muss stumm und anbetend zu Dir
emporsehen. Nennst Du das Mangel an Teilnahme und Liebe?«
    »Nein, nein, Anastas! ich sagte Dir ja, dass ich die Gedanken nicht dazu
kommen lasse, sich wirklich auszubilden.«
    »Es wäre auch schade um Dich, wenn in Deine lichte reine Seele Zweifel und
Zwiespalt verfinsternd fielen. Du bist ein Kind des Lichts, meine Ini.«
    »Die Kinder der Welt sind klüger als die Kinder des Lichts - steht in der
Bibel.«
    »Ich dachte auch so eben nicht daran, Deine Klugheit zu preisen« - sagte
Andlau lachend.
    »Du bist mein Verstand, ich brauche keinen besonderen;« antwortete sie, und
drückte die Stirne an seine Wange. Die Locken fielen graziös über ihr Gesicht
herab; die schlanke weiße Gestalt ruhte friedlich in seinem Arm. Sie sah aus wie
eine junge Birke mit frühlingsgrünem, wehendem Gezweig an einen Felsen gelehnt.
    Diese beiden Menschen lebten in und mit der Welt, wie auf einer goldenen
Klippe, die mitten im Meer für sie emporgestiegen. Sie liebten sich so, dass sie
zwar den Stürmen ausgesetzt, doch nicht vor ihnen zu beugen sich glaubten. Denn
mochte Faustine auch zuweilen klagen über Andlau's immer gehaltenes Wesen, so
war das doch nur so wie die Nachtigall Töne in ihrem Gesang hat, die gleich
herzzerschmelzender Klage klingen, weil übermächtige Sehnsucht in ihnen
widerhallt. Faustine war eine von den flammendurstigen Seelen, die in jedem
Moment des Lebens die Nektarschaale des Glücks verlangen und leeren, ohne
Rausch, ohne Taumel, ohne Übermut; mit dem Bewusstsein, dass sie ihnen zukomme,
und darum nicht trunken wie die Sterblichen, sondern wie die Überirdischen,
beseligt! Aber nur an großen Jubelfesten und nicht an Wochentagen wird sie den
Menschen
