 wer das nicht tut, ist ohne innern Gehalt, und Alles, was die Klugheit der
Welt und die schnöde Mittelmässigkeit zu ihrem eignen Vorteil vorzubringen
wissen. Aber Faustine war nicht das Kind, das in Tränen ausbricht, weil es
nicht den Mond haschen kann, und ihr Schicksal ist darum so traurig, weil es der
Mittelmässigkeit gleichsam gewonnenes Spiel gibt, indem sie Fehler beging, die
jener nie einfallen würden. Es ist auch traurig lehrreich, indem es zeigt, wie
der glorioseste Mensch untergeht, sobald er sein Ich in der Welt isolirt, sei es
auf die feinste, die geistigste Weise. Aber das wird die Menge schwerlich
bemerken! sie versteht nur die Bestrebungen für das Ich, insofern sie sich auf
Vermögen, Ansehen, schöne Kleider und ähnliche Äußerlichkeiten beziehen.
    »Jetzt mag ich nicht mehr reisen!« sagte Faustine; »ich weiß nun, dass die
Erde überall dieselbe ist, und der Mensch ist es auch. Nur die Oberfläche wird
bei jener durch das Klima, bei diesem durch das Temperament verändert. Das Neue
ist immer etwas Altes, und etwas Anderes ist immer dasselbe; nur das äußere
Kleid ward gewechselt. Das kann uns keine volle Befriedigung geben.«
    »Volle Befriedigung ist mir undenkbar für den menschlichen Zustand auf der
Erde,« sagte ich, »der Moment, wo ich inne würde, am Ziel alles Strebens zu
sein, und keine Arena der Wünsche und Kämpfe mehr fände, würde mich trostlos
machen, statt mich zu befriedigen. Fertig sein und doch nicht vollkommen - ist
wie das Leben in harter Gefangenschaft.«
    »Das äußere Leben kann fertig und das innere strebend sein,« sagte sie,
»z.B. im Kloster.«
    »Oder in jedem andern Verhältnis,« setzte ich hinzu, »z.B. in der Ehe.«
    Sie war nicht trübe, nicht unzufrieden, nicht erkaltet gegen mich, nur von
einer unbesieglichen Schwermut. Ich bat, ich beschwor sie zu malen, zu dichten.
    »Wozu?« antwortete sie. »Was nicht erster Ordnung ist, braucht gar nicht zu
sein, und erster Ordnung sind etwa zwei oder drei Bücher und ebenso viel
Kunstwerke: sie bestimmten eine Zeit, sie brachen eine Bahn, sie gaben eine
Richtung. Dies hängt nicht sowohl von dem ab, der sie schrieb, malte oder baute,
sondern davon, dass Gott ihn im rechten Moment, als er ein tüchtiges Werkzeug
brauchte, auf die Welt schickte. Ein solcher Genius ist für alle Zeiten groß;
nur für eine Epoche es zu sein, ist demütigend! denke doch: Gluck wird
unsterblich genannt, aber von 1000 Menschen gähnen 999 bei seiner Musik.«
    »Nach dem Urteil
