 für das Procrustes-Bett des
Staatsdienstes gepresst, der von Allen dasselbe Maß verlangt, das Genie herunter
- den Dummkopf herauf zerrt. Lernen müssen sie! ob sie das Gelernte verarbeiten
und wissen - darum kümmert man sich nicht. Die Meisten verkommen in dem Sumpf
des Lernens, ohne sich zur Entwickelung geistiger Selbstständigkeit zu erheben.
Bonaventura! rief sie und hielt den erstaunten Knaben auf ihrem Schoss fest;
wenn Du in zwanzig Jahren eine Brille auf der Nase hast, Runzeln auf der Stirn,
Falten um Mund und Augenwinkel, wenn Du pedantisch bist, mein Bonaventura,
langweilig, unbeholfen, dürr an Leib und Seele, unerquicklich wie die
personifizirte Vernünftigkeit, gehörig eitel auf Deine negative Entwickelung, -
so verklage ich den Staat beim lieben Gott, weil dessen Geschöpf und mein Sohn
so kläglich misshandelt ward von dem Alles verschlingenden Moloch, dem wir unsre
lieben Kinder auf die versengenden Arme legen müssen.«
    Ich bin aber der Meinung, dass Kinder in dem Lande und in den Verhältnissen
zu erziehen sind, für welche die Geburt sie bestimmte. Exotische Erziehungen
sind fast immer unverträglich mit der späteren Bestimmung, und die Gewöhnungen
der Kindheit so stark, dass oft ein trauriger Zwiespalt entsteht, wenn man nicht
gesucht hat, sie, wenigstens approximativ, jener anzupassen. Auf diese
Einwendung entgegnete Faustine:
    »Ich hab' auch nur gesagt: wenn Bonaventura mein Sohn allein wäre! - jetzt
bist Du mein Herr und der seine.«
    Der Orient war der Culminationspunkt meines Glücks. Nach Florenz
zurückgekehrt, nahm Faustinens Wesen eine andre Richtung. Ein Hauch von
Melancholie hatte immer um sie geschwebt, wie ein leichter Duft um Gebirge:
jetzt verdichtete er sich oft zu Wolken, die ihre Heiterkeit überschatteten und
ihre Beweglichkeit lähmten. Es geschah ohne äußere Veranlassung; sie war nicht
kränklich, sie hatte keine der Verdrießlichkeiten, der winzigen Sorgen, welche
reizbaren phantastischen Personen unerträglich sind, keinen Unfall - es kam wie
eine Schickung über sie: es war da. Ist es eine traurige Mitgift des Genies, dass
er im Geben ein Crösus und im Genießen ein Übersättigter ist - oder wähnt er
leicht, das vorgesteckte Ziel nicht erreicht zu haben und nie erreichen zu
können - oder lässt alles Erreichbare eine Lücke in ihm, und alles Sichtbare eine
Öde - oder fühlt er vorahnend seinen Flug erlahmen - oder haben diese
glühenden, dürstenden, strebenden Kreaturen unaufgelöste Geheimnisse zwischen
sich und dem Schöpfer, die sie auf alle Weise zu enträtseln suchen - genug,
Faustine war verändert. Viele, ich weiß es, werden sagen: das Schicksal hatte
sie verwöhnt, sie war übersättigt von Glück, sie machte sich Chimären, weil die
Wirklichkeit sich für sie erschöpft hatte, man muss in sich das Genügen finden,
und
