 Ihr fremd
- Herrin, wo Ihr Einwanderer seid; dies Bewusstsein macht despotisch: wir wollen
lieben über Alles, und lieben, nichts als lieben, Königin sein, von allen Gaben
strahlend, im Reich der Liebe! Darum, Mario, begreife ich, dass eine Frau sterben
kann, wenn sie nicht mehr liebt! macht ihr Herz seine Pendelschwingungen nicht
mehr, so steht das Uhrwerk ihres Lebens still. Lieben ist: sich einem Gegenstand
weihen; aber muss der Gegenstand durchaus derselbe bleiben? sind in uns keine
Fortschritte, keine Umwälzungen, die einen andern bedingen? können wir bei
zwanzig Jahren reif genug sein, um unsre Entwickelung bei dreißig und deren
Ansprüche vorherzuwissen und uns gleich von Hause aus dafür einzurichten? Ich
meines Teils hatte vor zehn Jahren kaum eine Ahnung von Allem, was ich geworden
bin. Es mag ein hohes Glück sein, beim Eintritt ins Leben der Seele zu begegnen,
mit der wir, bis zum Austritt aus demselben, verbunden bleiben; aber es ist ein
seltener Glücksfall, dass zwei Menschen durchaus gleichen Schritt halten in ihrer
Entwickelung, und dass keiner den andern überflügelt. Darum sollte man nicht eine
Ausnahme zur Richtschnur machen wollen; nicht sagen: nur das Festalten an einem
Gegenstande ist Liebe.«
    »Vielleicht hat man zuweilen darin Unrecht, Faustine!« entgegnete ich; »nur
bleibt es gewiss, dass häufig in dem Wechseln mehr Selbstliebe als Liebe liegt.
Glaubst Du nicht, dass ein Mensch in Opfer und Entsagung bis zum Tode ebenso sehr
der Vollendung entgegenreifen könne, als indem er Andern das Opfern überlässt?
Denk an Vinzenze Sonsky!«
    »Ach, Vinzenze!« rief Faustine; »ich beuge mich gern vor ihr, denn mehr als
sie kann der Mensch nicht tun. Aber das ist ein trauriges Beispiel! sie hat
sich geopfert, und doch ist Niemand beglückt, sie selbst tot, ihr Mann einsam
im Alter, Ohlen einsam in der Jugend. O sage mir, dass Du glücklich bist, Mario.«
    Wenn sie in den Ausdruck der Liebe überging, war sie unwiderstehlich; darin
war sie ein Genie wie in ihrer Kunst; dadurch beherrschte sie mich so maßlos,
dass ich oft mit Erstaunen wahrnahm, wie sie meine Besonnenheit schwanken machte,
meine Besonnenheit, die ich mit so eisernem Willen mir angearbeitet hatte! Vom
ersten Augenblick unsrer Bekanntschaft an war meine Seele ihr untertan.
Faustine veränderte nicht meine Richtung, aber indem ich dabei beharrte, sah ich
nach ihr, wie nach der Bussole hin, und in den Aussendingen des Lebens behielt
ich deshalb unumschränkte Gewalt, weil sie zu träg und zu gleichgültig gegen
deren Handhabung war. Oft in diesen vier Jahren hatte sie mich gebeten, eine
Reise in den Orient mit
