 Liebe - nur an
ihre Vergangenheit; und mehr zu sich selbst, als zu ihm, sprach sie mit tiefer
Bitterkeit:
    »Gibt es denn auf der ganzen weiten Gotteswelt eine Schmach, welche der
gleich kommt: einem Manne zu gehören, ohne ihn zu lieben? O ich glaube, ein
ganzes Leben von Verworfenheit wird mit diesem Begriff bezeichnet. Doch nein!
nein! ich irre mich! ich war ja seine Frau, am Altar ihm angetraut - dann hat es
nichts zu sagen - für die Menschen.« Sie lachte in sich hinein.
    »Ruhig, Faustine, aus Barmherzigkeit mit Dir, sei ruhig!« bat Mario
erschüttert.
    »Schweigen Sie, Graf Mengen! Sie haben mein Leben wissen wollen - da dürfen
Sie mich nicht stören, wenn wir bei einem so wichtigen Punkt angelangt sind.
Kennen Sie nicht die Sage von jenem Nixenbrunnen, dessen Wasser, hat man den
schweren Steindeckel einmal abgewälzt, immer höher, immer höher steigt, den Rand
überquillt und das Land rings umher in eine brausende Wogenflut verwandelt? O,
diese unermessliche Flut von ungekanntem, von misskanntem Weh in der Brust eines
Weibes erschüttert sogar eine Männerbrust, wenn es sich einmal nicht als Klage,
nur als Schrei, äußert! dann muss es gewiss etwas welterschütterndes sein! Aber
ach! als Abnormität wird es betrachtet! Krankhaft an Leib oder Seele,
verschroben, überspannt nennt man eine Frau, nachdem man sie ohne Barmherzigkeit
in die Arme des Ersten Besten, der sie nach ihr ausstreckt, geliefert hat, und
sie nun mit unüberwindlichem Entsetzen wahrnimmt, was von ihr gefordert wird,
was sie gewähren soll. Von einer Million Ehen wird eine aus Liebe geschlossen.
Die Beweggründe der übrigen kommen in keinen Betracht; weil sie immer auf
hausbackene Nützlichkeit zielen, sind die einen grade so gemein oder grade so
würdig als die andern. Aber neunmal hundert neun und neunzig tausend neun
hundert Frauen verlangen es eben nicht anders; achtundneunzig verlangten es wohl
anders, einst, vor langen Zeiten, auf die sie sich selbst nicht mehr recht
besinnen können, so untergewirbelt sind sie; nun haben sie sich gefügt, aus
Kälte, aus Verständigkeit. Und eine, nur eine, aber doch eine, eine Einzige
unter der Million, die verlangt es anders und, feiner oder schwächer organisirt,
kann sie nicht zahm sich fügen, und fühlt doppelt die Demütigung, weil sie zu
schwach ist sie abzuwehren. O diese Eine! sie kommt nicht in Betracht vor euren
Gesetzen, es kann kein eigenes Recht für sie geschaffen werden, Gott und Menschen
ziehen die Hand von ihr ab - denn im Namen Gottes ist ihr Segen verheißen
worden, wo sie Unheil gefunden, und die Menschen hohnlächeln ob der
Phantasterei,
