, und mein Vater hatte auch nicht
lange die Freude, durch mich an sein geliebtes Gedicht erinnert zu werden: er
blieb im Felde. Für mich hat aber mein Taufpate, Faust, stets ein ganz
besonderes Interesse gehabt, unabhängig von dem Zauber seiner Poesie und seiner
grandiosen Weltanschauung. Ich wollte immer mein eigenes Schicksal in diesem
rastlosen Fortstreben, in diesem Dursten und Schmachten nach Befriedigung finden
- aber der zweite Teil hat mir das unmöglich gemacht. Ich denke, es schreibt
wohl jeder von uns seinen eigenen zweiten Teil zum Faust, der Götesche ist
allzu individuel.«
    Graf Kirchberg sagte: »Das find' ich nicht! es ist das treue Bild aller
Menschen, die wie die alten Titanen mit großer Kraft den Ossa auf den Pelion
türmen, Studien, Forschungen, Leistungen auf ihre Gaben, um damit dem Himmel
abzutrotzen und abzuringen, was er diesem Streben nicht gewähren kann:
Befriedigung. Der Strom der Sinnenlust hat im Entstehen noch Nerv, weil der
Quellpunkt, die Liebe, ihm Nahrung gibt, aber breit, und dürftig dennoch,
zerfliesst er in der Steppe des Überdrusses und des unbestimmten, auf kein
hohes, festes Ziel gerichteten Verlangens. Dann versucht Faust dem Ehrgeiz, dem
Weltglanz, der Welteitelkeit einiges Vergnügen abzugewinnen; aber es bleibt ein
schaaler Spaß für ihn, ohne Saft und Kraft, und dasselbe bleibt ihm die Kunst,
der er sich darauf in die Arme wirft. Das in ihr und mit ihr Erzeugte,
Euphorion, verschwindet, weil es nicht aus der Begeisterung geboren ist, und
somit hat auch die Kunst ihren Reiz für ihn verloren. Endlich probirt er es gar
mit der Wohltätigkeit, mit der allgemeinen Menschenliebe, doch die Lauheit, das
vage Missvergnügen bleiben ihm zur Seite, und dieser ununterbrochene Seelenregen
macht ihn so matt, dass er ganz froh ist, endlich mit guter Manier in die
elysäischen Gefilde des Himmels einpassiren zu dürfen.«
    »Gut, das ist eben eine Richtung!« rief Faustine; »ich sehe aber nicht ein,
warum der Faust seelenmatt werden muss. Hat die Liebe ihm keine Befriedigung
gegeben, so werfe er sich lodernd, wie in ihren Schoss, in die Arme des
Ehrgeizes, der Welterrlichkeit, der Kunst! so ringe er nach ihnen und um sie,
statt mit ihnen zu spielen! so strenge er all' seine Kräfte und sporne all'
seine Gaben an, damit er doch Etwas zu Tage fördere - und sei es nur gerade
Etwas, woran Mephistopheles seine Weltironie üben könne, der jetzt in dieser
beängstigenden Atmosphäre nur noch zu armseligen Spässen Gelegenheit findet, mit
Gauklerkunststücken sich helfen muss, und aus seiner grandiosen Lucifer-Region in
die Kategorie der kläglichen, dummen Teufel fällt. Die Kräfte eines Faust
