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    »Wir Alle stehen in dem nüchternen Leben und ohne jenen compensirenden
Rausch -«
    »Es muss demjenigen schwer werden, einen Schoppen aus der Hand der
schwarzaugigen Kellnerin zu nehmen, dem Hebe die Schaale kredenzt hat. Er wird
unwillkürlich vergleichen, den Wein mit dem Nektar, das Mädchen mit der Göttin,
und Vergleiche stören die Genussfähigkeit. Wir aber begnügen uns tout bonnement
mit dem Wein und der Sterblichen, denn wir wurden nicht aus dem Olymp auf die
Erde geschleudert. So wird er auch immer das, was er gewollt, mit dem
vergleichen, was er geschaffen hat, und gewiss in der Erscheinung nur einen
Schatten seiner ursprünglichen Idee finden. Ich hab' einen Freund - er ist aber
nicht Maler, sondern Dichter - der spricht: All meine Schöpfungen kommen mir vor
wie gefallene Engel! sie haben wohl noch etwas, was an ihren Ursprung mahnt, doch
die Glorie ist verschwunden, seit sie die sinnliche Form annahmen. Mich grämt's
aber wenig! ich verkehre mit den ungefallenen Geistern, und schneide ihnen nach
besten Kräften ein Mäntelchen von Staub zurecht, worin sie sich den Menschen
offenbaren.«
    »Sehen Sie, Ihr Freund fühlt sich glücklich! das spricht für meine Ansicht.
Wie heißt er denn? kennt man ihn als Dichter?« fragte Mario neugierig.
    »Man kennt ihn wohl .... freilich nicht als Dichter, sondern -«
    »Nun? sondern? Sie sagten ja eben -«
    »Sondern als Dichterin.«
    »Also eine Frau?« sagte Mengen gedehnt.
    »Ja, zum Unglück nur eine Frau, die Ihre Ansicht teilt,« sagte Faustine
neckend.
    »Und warum nannten Sie diese Frau Ihren Freund?«
    »Weil für mich das Genie geschlechtslos ist. Mag ein Fledermäuschen oder ein
Titane schaffen - sein Genie ist mein Freund.«
    »Und trauen Sie mir nicht dieselbe Unbefangenheit zu?«
    Faustine lachte herzlich. »Excellent! haben Sie mir je Anlass zu diesem
Vertrauen gegeben? Sie halten die Frau nicht der Begeisterung fähig und nicht
der Leidenschaft: ist es möglich, ohne dieses zweischneidige Schwert sich Bahn
zu brechen auf dem Pfade der Kunst? Nein! - Sie glauben gar nicht, dass das Genie
mit einer Frau Missheirat schließen, sich gleichsam an sie verplempern könnte.
Es braucht eine Hülle sechs Fuß lang, tiefe Bassstimme, Kollier grec, - darin hat
es Raum. Ein Genie, ihr wunderlichen Herren, muss genau so aussehen wie ihr
selbst! Trüg' es ein Musselinkleidchen, und das Haar aufgeflochten, ihr würdet
ihm für euer Leben gern einen stattlichen schwarzen Bart malen, damit es doch
ein klein wenig für seine Würde befähigt wäre! - Nein, guter Mengen, wenn
