 könnte,« sagte sie oft, »so wollte
ich sie mir ja sehr gern zu eigen machen. Allein Jeder hat seine ganz besonderen
und ganz possirlichen. Der Eine spricht: ich stehe alle Morgen um sechs Uhr auf,
das ist mein Grundsatz. Der Andere: ich erziehe meine Kinder durch Prügel, das
ist mein Grundsatz. Der Dritte: ich lasse die Leute schwatzen, was sie mögen,
bekümmere mich um nichts und tue, was ich will - das ist mein Grundsatz. Mit
Letzterem bin ich gewiss ganz einverstanden; nur sehe ich nicht ein, weshalb eine
so natürliche Denk- und Handlungsweise mit dem pomphaften Wort Grundsatz belegt
werden solle.«
    »Die Grundsätze sollen uns ja keineswegs eine unnatürliche, sondern eine
edle, unserm Wesen entsprechende Richtung geben,« sagte Andlau, »und uns helfen
diese Richtung zu verfolgen, soviel es in menschlicher Kraft steht, wenn es uns
auch schwer wird - eben weil wir sie als die erforderliche und notwendige zu
unserer Entwickelung erkannt haben.«
    »Sie machen starr und unbeugsam!« rief Faustine.
    »Wo sie fehlen, gibt's Leichtsinn und Flatterhaftigkeit« - sagte Andlau
lächelnd.
    »Wenn ich mir nun auch vorgenommen habe, auf der Chaussee zu gehen, warum
soll ich nicht aus dem dicken Staube oder von den harten Steinen auf die Wiese
nebenbei, und zu meinem Ziel spazieren? ich komme ja angenehmer hin.«
    »Aber Du kannst Dir im Tau nasse Füße und den Schnupfen holen; oder ein
breiter Graben sperrt Deinen Pfad und Du musst umkehren; oder ein Schmetterling
lockt Dich seitab; oder Du kommst eine Minute später an, und diese eine ist zu
spät.«
    »Ich hab' auch einen Grundsatz,« sprach Faustine ernstaft.
    »Und der wäre?«
    »Nie mit Dir zu disputiren, weil ich immer den Kürzern ziehe, was gewiss sehr
demütigend ist.«
    Doch auch dieser war nur ein momentaner Einfall. In ihrem Charakter waren
viele Anomalien und manche Schatten; doch der vorherrschende Zug ihres ganzen
Wesens war eine Liebenswürdigkeit, die jene ausglich und diese überstrahlte.
Worin ihre Liebenswürdigkeit bestand, konnte man nicht definiren - vielleicht
bloß darin, dass sie natürlich und ohne Ansprüche war, und von Niemand weder Lob,
noch Beifall, noch Huldigung verlangte. Die tiefe Sorglosigkeit über den Erfolg
ihrer Erscheinung oder ihres Gesprächs gab ihr eine solche Frische, dass um
alltägliche Handlungen, um gewöhnliche Worte ein reizender Schmelz gehaucht war,
wie er auf frischgepflückten Früchten liegt. Es ist ein Hauch, ein Duft, eben
Nichts! - doch wenn die Früchte zwölf Stunden im Zimmer gestanden, so ist dies
liebliche Nichts verschwunden, und dann, wenn man es vermisst, wird es erst
