
ganz andere Region der Poesie. Diese beiden magischen Kreise können sich in
keiner Gegend ihres Zauberbanns berühren. Die Kristallpaläste Ariosts sind vom
strahlenden Lichte des Scherzes und der Lust umgossen, vom zarten Mutwillen
durchströmt und der Ernst des Lebens ist in ein leichtes, wenn auch tiefsinniges
Spiel verwandelt. Tasso wandelt mit den Gestalten seiner Sehnsucht und Poesie in
einem grünen dämmernden Hain, die Liebe ist süß, doch ohne Schalkheit, Krieg und
Abenteuer, Helden und Jungfrauen, alle sind von einer sanften Weihe
durchdrungen, und eine freundliche Wehmut erfasst und durchschauert unsern Geist,
indem wir uns dem poetischen Taumel ergeben. Wie so ganz anders das blendende,
verwirrende und verlockende Labyrinth unsers Ariost! wo uns im innersten Gemach,
wenn es in diesem neckenden Garten ein solches gibt, statt des Minotaurus ein
Reigen scherzender und übermütiger Nymphen und Satyrn überrascht, die uns laut
wegen unserer Erwartungen verlachen.«
    »O wie wahr!« rief jetzt Vittoria aus: »mag Ariost für den Kenner, welcher
die Waagschale in prüfenden Händen halten darf, der größte Dichter sein, unser
zärtlicher Tasso wird sich immer neben ihn stellen dürfen.«
    Boccalini sagte: »Glaubt mir, auch die schönsten Werke müssen erst, den
Mispeln ähnlich, eine Weile still und ungenossen liegen bleiben, bis sie für den
Gaumen der Menge die weiche Reife erlangt haben, dass diese den Geschmack an
ihnen finden. Der Entusiastische versteht sie früher und gewissermaßen im
voraus, so wie der wilde, leicht erhitzte Ungebildete bald dieses bald jenes
wesenlose Gespenst als seinen Gott anbetet, und ihm einen Dienst weiht, der viel
größer ist, als der nüchterne Götze selbst.«
    Der wohlbeleibte Fremde warf dem jungen Mann einen scharfen prüfenden Blick
zu, indem er bemerkte: »Wahr! Die Begebenheit aller Zeiten; aber ist die Zeit
selbst immer die Wurfschaufel, welche die Spreu links und die Körner rechts
wirft?
    Und hat selbst die Geschichte, die unbefangene Nachwelt niemals geirrt? Ja,
wenn diese sogenannte Zukunft nicht zerstreut und vergesslich wäre! Sie vergisst
auch nur allzuoft an den neuen Schätzen, was sie schon früher an Juwelen besaß;
das Neue ist ihr oft nur das Bessere, weil die Politur die frischere ist, und
das massive Gold voriger Tage von Staub unkenntlich gemacht wurde. Hat nicht der
leuchtende Ariost und der spasshafte Berni unsern edelen Bojardo zu früh in die
Vorratskammer der Altertümer hineingestellt?«
    »Gewiss!« rief jetzt Donna Julia aus, »und es freut mich, dass ein edler Sinn
einmal diese gehaltreiche Frage aufwirft. Der Erfindungsreiche hat uns diese
Bahn geebnet, er war trunken im süßen Wein der schönen Fabel, und nun hat er
doch Undankbaren die duftenden Trauben seines reichen Berges gekeltert.«
    Vittoria betrachtete mit Freuden
