 ich nicht den
scharfsinnigen tiefen Pomponatius in Padua vergesse, den Lehrer Sperones und von
hundert mächtigen Denkern - und, was haben wir jetzt? Und beneidet nach funfzig
Jahren jene Generation nicht vielleicht wieder die unsrige, die wir uns doch
eines Torquato Tasso, einer Elisabet von England, und so mancher kräftig
strebenden Menschen noch rühmen dürfen?«
    »Wir sind auf dem Wege«, sagte Farnese mit einiger Bosheit, »auch großartige
Ketzer zu rühmen.«
    »Wir sind hier im vertrauten Kreise«, fuhr Bracciano mit einiger Heftigkeit
auf, »und in die innere Familie hat die Inquisition bis jetzt noch nicht
eindringen mögen.«
    Der Kardinal lächelte und antwortete mit feiner Liebenswürdigkeit: »Man kann
mir wohl zutrauen, dass ich kein Freund der Inquisition und jener strengen
Maßregeln bin, die sich so oft, vielleicht ohne Not, für Heilungsmittel
ausgeben.«
    »Und meine Meinung«, fuhr Vittoria ruhig fort, »ist auch zu unbedeutend,
oder meine Person vielmehr, als dass irgendwer ein Gewicht darauf legen könnte.
Doch glaube ich, dass die Kirche ebenso gegen unsre erste Hälfte des Jahrhunderts
zurücksteht, wie in Staatskunst, Wissenschaft, Malerei und Poesie. Schon seit
Alexander dem Sechsten hatte sich in Glaubenssachen ein freier Sinn offenbart,
und ging gleichsam allen den Neuerungen in Deutschland und Frankreich voraus.
Wären jene großen Päpste und Kardinäle, die selbst die Freigeisterei und den
Unglauben ertrugen, indem sie selber teil daran nahmen, weniger leichtsinnig
gewesen, hätten sie ihre moralische Würde mehr gewahrt, so möchte ich jene Zeit
eine goldene der Freiheit, der Poesie und des Denkens nennen. Ein großer Teil
der Menschen war der Zuchtrute und Furcht entwachsen, die Kirche musste sich
bequemen und der neu aufgehenden Zeit entgegenkommen: die anstössige Lebensart
der Geistlichen musste sich bessern und so war im notwendigen Umbau vieler
veralteten und morschen Teile der Kirche eine Einigung mit den starken Geistern
des Auslandes wohl möglich, und der gefährliche Riss im Gebäude wäre nicht
eingebrochen. Aber der Kluge verachtete, der Einfältige schalt die neuen
Symptome, so verlief die günstige Zeit, und nun hat sich, um zu bessern, eine
strenge Finsternis, ein Hass und Geist der Verfolgung, vernichtend über das bis
dahin so heitere Leben gelagert. Seit dem vierten Paul, dem frommen Pius dem
Vierten und dem krankhaft gläubigen Fünften, haben wir jetzt am milden und
menschenfreundlichen Gregor, unserm Heiligen Vater, einen Herrscher, der die
straff angezogenen Bande, die ihm jene in die Hand legten, nicht wieder darf
locker auseinanderfallen lassen. Ja wohl sehne ich mich in jene heitere Vorzeit
zurück, in denen unsre Eltern ohne Furcht vor diesem dunkeln Geist der Kirche
denken und sprechen durften. Hat das Leben doch schon des Elends genug und des
