 Hoheit leben und träumen. Verstehn sich
unsre Herzen doch ohne Worte. Auch mag in dem allgemeinen Vorurteil doch eine
gewisse Wahrheit schlummern und dämmern, dass dem Manne mehr erlaubt ist, als dem
Weibe, und dies Gefühl, die Achtung vor diesem Aberglauben wird mich bewahren:
vorzüglich aber die Furcht, sein Gemüt, (da der edelste Mann noch eine gewisse
Roheit in sich hegt,) möchte nicht so geläutert sein, dass er mich nicht nach
dieser Hingebung, etwas, wenn auch nur um ein weniges, geringer achten dürfte.«
    »Wenn ich von meinem Erstaunen erwache«, sagte Francesco, »so begreife ich
nicht, wie gerade du, Vittoria, so ganz unweiblich sein kannst.«
    Lachend sagte sie: »Ja wohl, diese eure ganz abgestandenen Redensarten von
Unschuld, Mädchenhaftigkeit, Jungfräulichkeit und Weiblichkeit, die ihr uns
entgegenhaltet, um unsrer Entwürdigung, indem wir blödsinnig bleiben, oder uns
so stellen, schöne Namen zu geben. Ei wie himmlisch steht das unbewusste Mädchen
in ihrer Unschuld da, wie die reine Lilienblume. Und sie wird ein Raub des
Lüstlings, da man nichts loben will, als diese süße Einfalt, (die der Frau nicht
mehr ziemt,) oder die Frechheit der gesunkenen Metze. Als wenn das nicht höhere
Würde, Tugend und Unschuld wäre, so frei zu denken, zu fühlen und zu sprechen,
wie es freilich denen nicht erlaubt ist, die die Gemeinheit in ihrem Innern
empfinden.«
    »Wohin aber«, rief Francesco aufgebracht, »zu welcher Ehrlosigkeit kann eine
solche Gesinnung führen!«
    »Sei ganz ruhig, mein Männchen«, sagte sie, »ich werde diese deine Ehre
gewiss besser bewahren, als du selber. - Ehre! - O Menschen, welche Sprache redet
ihr denn? - Ich soll es freilich nicht wissen, aber ich weiß es doch, wie du mit
meinem Bruder Ottavio einig bist; wie ihr beide meine und eure Ehre gerne dem
großen mächtigen Farnese verkauftet, wenn ich nur jämmerlich genug dächte,
nachzugeben? Nicht wahr? - Schlafe jetzt wohl und zweifle nicht, dass ich meinen
Willen durchsetze. Du aber kannst, wie du es schon tatest, jetzt mit meiner
Einwilligung so ungebunden leben, wie es deine zügellose und schwache
Imagination dir nur eingeben mag.«
    Sie verließ ihn, und er hatte vielen Stoff, lange über das Gesprochene
nachzudenken.
 
                                  Zweiter Teil
                                   Viertes Buch
                                 Erstes Kapitel
In der Familie Accoromboni und Peretti hatte indessen Friede und Ruhe geherrscht
und alle Mitglieder derselben genossen eines anscheinenden Glückes. Viele
angesehene Männer und Frauen besuchten gern das wohlhabende Haus, und der junge
Peretti verlor nach und nach jenen Anschein unreifer Unmännlichkeit, konnte den
Gesprächen Verständiger leichter folgen, und lernte in
